marsch, marsch | Antwort auf Martin Leidenfrost

Wir erinnern uns: Martin Leidenfrost schrieb vor einiger Zeit gegen die „Ehe für alle“ an und berief sich schon damals auf Interpretationen der Kirche als Argument, um gegen eine Gleichstellung aufzutreten. Er tut es wieder. Dieses Mal, um gegen die Fristenlösung anzugehen. In seiner Presse-Kolumne ruft er zur Beteiligung beim „Marsch des Lebens“ auf, verwurstet und verdreht (wieder einmal) und zeigt, dass er recht wenig versteht von der Selbstbestimmung der Frau. Und noch weniger vom Feminismus. Doch deklinieren wir seinen Kommentar gemeinsam durch. Auch wenn’s schwer fällt.

Interessant: Gleich zu Beginn versucht Leidenfrost, den „Marsch fürs Leben“ vom „Marsch für die Familie“ abzugrenzen. Argument: Der „Marsch für die Familie“ sei ein winziger rechter Event, während der „Marsch fürs Leben“ breit aufgestellt sei. Beide sind ideologisch im reaktionär-christlich-fundamentalistischen Eck angesiedelt, kommunizieren es nur unterschiedlich. Den Organisator*innen des Familienmarsches kann man noch eine „E-post“ (LOL) schreiben, während der Webauftritt der Lebensmarschierenden auf den ersten Blick recht hip daherkommt. Doch schauen wir uns den Verein „Marsch fürs Leben – zur Koordination und Organisation des -Marsch fürs Leben- in Österreich. Einsatz für den Schutz des menschlichen Lebens von Beginn bis zum natürlichen Tod“ mit Sitz in der Beatrixgasse im Büro der „Jugend für das Leben“ in Wien etwas genauer an. Der stellvertretende Vorsitzende Johannes Moravitz hat beispielsweise nicht nur etwas gegen die Fristenlösung, sondern auch gegen den Spruch des VfGH betreffend einer adäquaten Regelung für intersexuelle Menschen im Personenstandsregister. In seinem Kommentar für die „Plattform Christdemokratie“ stellt er Intersexualität als abnorm und als Störung dar, argumentiert biologistisch, bleibt in seiner eigenen reaktionär-konservativen Vorstellung von „was nicht sein darf, das nicht sein soll“ hängen und ignoriert erwartungsgemäß die Bedürfnisse jener, die nicht in sein binärgeschlechtliches Weltbild passen. Alles nicht neu, alles nicht unbekannt. Ich will’s nur mal angemerkt haben, dass es hier mit „breit“ und „offen“ bei den Organisator*innen des Marsches nicht sehr weit her ist. 
2016 wurde der „Marsch fürs Leben“ übrigens vom damaligen Salzburger Weihbischof Andreas Laun unterstützt, der mit beständiger Regelmäßigkeit durch seine menschenfeindlichen und diskriminierenden Statements auffiel und auch keine Berührungsängste mit Einschlägigen hatte. 2016 sagte Laun seinen Redebeitrag am „Kongress Verteidiger Europas“ kurzfristig ab. „Ich bedaure die Polarisierungen rund um den Kongress und sage meine Teilnahme daran ab“, so damals Laun, der vom Salzburger Erzbischof Lackner zurückgepfiffen worden war. 

Nochmal Stichwort „breit“. Schauen wir doch mal genauer nach, wer den „Marsch fürs Leben“ so unterstützt:

  • Lebenskonferenz: „Die Lebenskonferenz ist eine Plattform zahlreicher Vereine, NGOs und Initiativen, die sich in Österreich auf vielfältige Weise für den umfassenden Schutz des Lebens einsetzen“, so die Eigenangabe auf der Homepage. Wer konkret die Mitglieder sind, erschließt sich zumindest aus dem Webauftritt nicht. Jedenfalls wird beispielsweise gegen die Fristenlösung gebetet. Keine Pointe. Stellvertretender Vorsitzender ist Raimund Harta, der auch für „Bund evangelikaler Gemeinden“ tätig ist. Der sich ebenfalls als Unterstützer des „Marsches fürs Leben“ findet. Surprise, surprise. 
  • Jugend für das Leben: Schon weiter oben erwähnt, geriet der Verein nach einigen Schulvorträgen, in denen es eigentlich um Sexualerziehung gehen sollte, in die Medien. „Wolfgang Kostenwein, psychologischer Leiter des Instituts für Sexualpädagogik, sieht in den Handlungen der Initiative eine „sozialpädagogische Grenzüberschreitung“, die Jugendliche in eine Richtung dränge“, so in einem Bericht des Standard von 2016.
  • Katholische Hochschulgemeinde Wien
  • Österreichische Evangelische Allianz: Laut Eigenbeschreibung „eine Sammlungsbewegung mit dem Zweck, die Gemeinschaft mit aktiven Christinnen und Christen aus christlichen Kirchen und religiösen Bekenntnisgemeinschaften christlicher Prägung zu suchen und zu pflegen. Wir sehen unseren Auftrag nicht in der institutionellen Vereinigung, sondern im Zusammenwirken der Christen als einer organischen und personalen Gemeinschaft. Es geht um geschwisterliche Jesus-Gemeinschaft, um den lebenden Organismus, um das Sichtbarmachen der geistlichen Einheit.“ Eine geistliche Einheit, die sich erwartungsgemäß ebenfalls gegen die „Ehe für alle“ stellt. Mit den üblichen Argumenten: Keimzelle, religiöse Einmischung, Trennung von Kirche und Staat werden selbstredend ignoriert, nur Vater-Mutter-Kind seien eine Familie etc.pp. Kennen wir. 
  • Bund Evangelikaler Gemeinden: Das Phänomen der Evangelikalen und Freikirchen kennen wir primär aus den USA und aus Südamerika. Es ist keine homogene Bewegung, zeichnet sich aber durch besondere Bibeltreue und erzkonservative gesellschaftspolitische Haltungen aus
  • Österreichischer Cartellverband: katholisch, männlich, konservativ. Aber trotzdem eine Meinung zum Thema Schwangerschaftsabbruch und Fristenlösung. Keine Pointe.
  • Freie Christengemeinde – Pfingstgemeinde: Wie auch „Lebenskonferenz“ und KHG bewirbt diese Art Dachverband einer Reihe von Freikirchen und Pfingstgemeinden in Österreich die Kampagne „Fairändern“, wo unter anderem gefordert wird, dass Ärzte verpflichtend auf „Beratungsangebote“ hinzuweisen haben. Eine weitere Forderung: eine dreitägige „Bedenkzeit“ für Frauen, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben.
  • Plattform Christdemokratie: siehe weiter oben
  • Familienallianz: Ablehnung der Änderung der Regelungen fürs Personenstandsregister, Beschwerden übers „Gendermainstreaming“ („Wie Christen in die Gender-Grube fallen„), Ablehnung der „Ehe für alle“ (bebildert mit Kühen. But why?). Selbstbeschreibung: „Die Familienallianz beruht auf einer Initiative von  Familien, die die Notwendigkeit verspüren, andere Familien und Interessierte über das Internet zu familienrelevanten Themen zu informieren und zu stärken. Diese Themen sind zum Beispiel Lebensschutz, Mutter und Hausfrau, Familienpolitik in Österreich und in der EU, Ganztagesschule, Sexualkundeunterricht, Genderismus, Familienbesteuerung, Theologie des Leibes“. Öhm, ja. Nuff said, denke ich.
  • Österreichische Lebensbewegung: Auch hier Werbung für die „Fairändern“-Kampagne. Gott als Instanz spielt auch hier eine Rolle. Schon 2005 war die Organisation Thema einer parlamentarischen Anfrage in Bezug auf einen TV-Werbespot. Besonders interessant ist jener Auszug aus der Homepage der Organisation:
Affäre, Vergewaltigung, Aufenthaltsstatus – und die Conclusio, dass es nur „nicht passe“. Die Bedürfnisse der Frau sind hier nicht Thema. „Gewaltfrei“ kann in diesem Kontext nur als „contra choice“ und „contra Selbstbestimmung der Frau“ interpretiert werden. 

Also summa summarum wohl eher weniger breit, als viel mehr recht katholisch, evangelikal und erzkonservativ. Die einzigen Unterschiede sind die reaktionären Einschläge in Bezug auf die Ablehnung weiblicher Selbstbestimmung, die scheinbar nur dann gilt, wenn vorher „beraten“ wurde und dann contra Abbruch ausfällt.

Wo waren wir? Ach ja. Bei Martin Leidenfrosts Kommentar. Übrigens liest ein Weihbischof (ein Mann afaik. Logo, ist ja ein katholischer Bischof und die haben ja erfahrungsgemäß wahnsinnig viel Ahnung von Sexualität insgesamt, der fraulichen Sexualität im Besonderen und jedenfalls Kompetenz in der Beziehungsberatung) ein Pontifikalamt. Na wenn frau da nicht gleich sämtliche pro-choice-Haltung gen Hölle fahren lässt, um jubelnd mitzumarschieren, dann weiß ich auch nicht…

Leidenfrost wirbt im nächsten Absatz für ein Referendum nur unter Frauen. Und nimmt dafür Zahlen einer britischen Umfrage. Nach einigem Herumgesuche fand ich Daten aus einer Umfrage von 2012, die so ungefähr zu den Zahlen hinkommen, auf die sich der Kolumnist bezieht. Dem können wir gerne auch Aktuelleres rund um die Diskussion der Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in Nordirland entgegensetzen. 

Next point: Der Vorwurf der „Bagatellisierung“ des Schwangerschaftsabbruchs. Niemand bagatellisiert. Oder behauptet, es wäre eine einfache Entscheidung. Dieses Argument, Frauen würden so mal schnell (überspitzt formuliert) zwischen Pediküre und Frisörtermin einen Abort durchführen lassen, um sich dann zum Chai-Latte-Trinken mit Freundinnen zu treffen, ist wieder mal genau eins: Nämlich frauenverachtend. Es ist der Körper der Frau, über den die Frau (und nur sie allein) zu bestimmen hat. Mit allen emotionalen Krisen, die sie hat oder nicht. Mit allen Zweifeln, die sie hat oder eben nicht. Mit der Unterstützung, die sich die Frau SELBST sucht und die sie bekommen will. Außenstehende „Berater*innen“, Kolumnist*innen oder segensprechende Weihbischöfe haben hier weder zu moralisieren noch in Entscheidungen dreinzuquatschen oder Zweifel zu sähen. 

Die Diskussion rund um die Pränataldiagnostik – die zugegeben eine äußerst diffizile und ambivalente ist, Pränataldiagnostik auf Krankenschein jedoch unbedingt notwendig – im Kontext eines Plädoyers für einen Marsch von pro-life-Aktivist*innen herzunehmen (in Verbindung mit dem Wort „ausrotten“ übrigens), bekommt den Geruch des Euthanasiegedankens. Sicher ÜBERHAUPT nicht beabsichtigt. Und nochmal: So zu tun, als ob es für Frauen ein Leichtes wäre, sich zu entscheiden – vor allem, wenn eine Diagnose da ist – ist respektlos und stellt Betroffene in einen Täterinnen-Kontext. In den Kontext der gewollten und gezielten „Ausrottung“.

Für alle, die bis hierher nicht zu lesen aufgehört haben: Respekt! Jetzt tief durchatmen – es wird noch einmal heftig. Martin Leidenfrost schwingt sich auf zum Retter weiblichen Lebens auf.
In China und Indien werden bis heute weibliche Föten abgetrieben.  Leidenfrost macht dafür (WTF?) Feministinnen verantwortlich, die sich für die Selbstbestimmung der Frau und die Fristenlösung einsetzen. So. Jetzt mal ganz langsam und halblang. Der Grund für die Abtreibung weiblicher Föten ist eine in Gesellschaften verankerte Frauenverachtung. Und die Denke, dass Söhne einer Familie mehr Ansehen, Respekt, whatever {hier weiteren patriarchalen Bullshit einfügen} bringen. Töchter hingegen werden als weniger wert angesehen. Und außerdem muss ja noch Mitgift bezahlt werden. Und dann wehren sich die Mädchen womöglich auch noch gegen eine Verheiratung. Wo kommen wir denn da hin?
Also nochmal zum Mitschreiben für Langsame: Der Grund für die Abtreibung weiblicher Föten sind Hass und Missachtung von Frauen in patriarchalen Gesellschaften! Feminist*innen setzen sich – vor allem in den besagten Ländern – für die Rechte der Frauen vor Ort ein. Etwa wenn’s darum geht, Vergewaltigungsopfern in Indien zu ihrem Recht zu verhelfen. Das nur so als Beispiel. 

Kleine Anmerkung zur Begrifflichkeit: Leidenfrost verwendet übrigens das Wort „Feminizid“. Feminizid ist nicht – wie im Artikel suggeriert wird – das Wort für die Abtreibung weiblicher Föten, sondern der Begriff für den Mord an Frauen. Etwa durch männliche Partner (gerne verharmlost als „Familiendrama“ oder „Beziehungsdrama“). Auch das Thema Gewalt gegen Frauen wird primär von Feminist*innen ständig, immer und immer wieder angesprochen. Allerdings schweigen dazu sowohl die Kirchen als auch die selbsternannten Lebensschützer*innen und die Cis-Männer, die in Anbetracht ihres reaktionären Frauenbildes und ihres Nichtverstehens von Feminismus fröhlich „cirkle-jerken“ (danke Nicole Schöndorfer für die Kontextualisierung dieses wunderbaren Begriffs) und dabei nicht merken, wie furchtbar lächerlich sie sich machen.

Vorhang fällt.

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2 Kommentare zu „marsch, marsch | Antwort auf Martin Leidenfrost

  1. Dein adlerhaftes Kreisen über den Ausgangslagen und Dein dann treffsicheres Zustoßen, gefällt mir ungemein!!!
    Danke für deine präzisen Analysen.

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