Neulich beim Wirten | Ein Text über Chemnitz

Wer mich persönlich kennt, der/die weiß, dass ich gern ins Wirtshaus geh. Auf ein Bierchen oder einen Saft. Manchmal auch Kaffee. Mein Lieblingswirt, geführt von jungen Wirtsleuten, die für die Stammgäste neben Ewu (Essigwurst), Wusa (Wurstsalat) und frischem Bier auch immer Zeit für eine gute Unterhaltung haben. Und die Gäste sind ein bunter Haufen: Trachtenträger*innen, Alt- und Junglinke, Unternehmer*innen, Kulturvereinsbewegte, Kommunalpolitik, Student*innen, Fußballverein, Konservative, ganz jung und ganz alt, Hiesige und Dortige, Sommerfrischler, Feminist*innen, von der Wienerin bis zum Syrer, Hackler*in, Lehrling – kurz: So eigentlich und ziemlich jede*r, der/die Gesellschaft sucht. Sich einfach mal selbstverständlich zu einer Runde dazuzusetzen ohne komisch angesehen zu werden – so funktioniert das dort, beim Wirten. Deswegen auch Lieblingswirt.
Manchmal läuft’s recht harmonisch. Es werden Brettspiele gespielt, man erzählt sich gegenseitig, was grad so läuft. Und manchmal geht’s hoch her. Vor allem, wenn’s (wie sich das für für eine gepflegten Stammtischdisput gehört) um Tagesaktuelles geht. Wenn’s politisch wird. Dann wird’s auch mal laut und beim Gestikulieren mit Verve fliegt auch schon mal unabsichtlich das eine oder andere Bierglas. Manche zelebrieren genau das. Und zu denen gehöre ich auch.

Die Ereignisse in Chemnitz waren Thema neulich beim Wirten. Eine große Diskussion war es nicht – eher ein recht ruhiges Gespräch darüber, was da grade so abgeht. Die Fassungslosigkeit war uns allen gemein. Ebenso wie das Grübeln. Kalt ließ es niemanden am Tisch.
Die Ereignisse in Sachsen haben viele Dimensionen. Beachtenswert ist der Umgang damit. Die Art und Weise, was und wie kommentiert wird. Was im Fokus steht und was nicht. Und wie all das in eine Symptomatik passt, die ja nicht unbedingt neu ist. Es ist die Rede von „besorgten Bürgern“ und allgemeiner Unzufriedenheit. Dazu einige Thesen.

Die Erzählung vom „besorgten Bürger“ oder „Wir sind das Volk“

Ein Narrativ, das – sei es in Kommentaren oder als Rechtfertigung – gerne verwendet wird. Man muss sich hier die Frage stellen, warum Besorgnis einhergehen muss mit Übergriffen auf Journalist*innen, der Kooperation mit Hooligans und rassistischen Äußerungen? Ist es nicht vielmehr der Wunsch nach Schuldigkeit der anderen und Feindbildern? Ein diffuser Zorn, der rausgebrüllt werden will und der so rasend ist, dass Hitlergrüße akzeptiert werden und für den die Pressefreiheit einfach nur lästig ist? Volk ist, wer zornig ist? Wer diesen Zorn und seine Folgen für andere ablehnt, kann und darf nicht Volk sein. Wer besorgt ist ob der sich Bahn brechenden Ablehnung einer liberalen und diversen Gesellschaft, hat keinen Platz in dieser völkischen Idee, die sich primär dadurch definiert, was und wen sie ablehnt.
Besorgnis hat Grenzen und ist falsch verstanden, wenn sie als Rechtfertigung für Hitlergrüße, Rassismus und Gewalt herhalten muss. Die eigene Besorgnis ist keine Ausrede dafür, anderen Menschen Angst einjagen zu dürfen. Sie als Maßstab für politische Entscheidungen herzunehmen signalisiert, dass Angstmache immer wieder funktionieren wird. Ist ein Feindbild weg, kommt schnell das nächste. Und zu fordern, man müsse doch mit denen reden, die ihren Hass pflegen, ist eine Zumutung.

Die Erzählung „Die Beschränkung des Asylrechts beseitigt Rassismus“

Versetzen wir uns 27 Jahre in die Vergangenheit. In Rostock Lichtenhagen wurden im August 1992  Molotowcocktails auf ein Wohnheim geschleudert, während Anrainer*innen applaudierten. Nur dem Zufall ist es zu verdanken, dass es keine Toten gab. Die Folge der Angriffe: Die Verknüpfung mit der Asylrechtsdebatte und die Verschärfung des Asylrechts. Der Rassismus feierte damit einen Erfolg. Ist er deswegen verschwunden? Mitnichten. Im Gegenteil. Es wurde ein Signal gesetzt, dass Gewalt ein legitimes Mittel ist, um eine politische Agenda durchzusetzen. Die rechtsextremen Szenen wurden verharmlost, antidemokratische Tendenzen kleingeredet und zu wenig beachtet. Zivilgesellschaftliches Engagement und Antirassismusarbeit wurden weder gestärkt noch in ihrer Wichtigkeit erkannt. Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bekam recht.

Die Rolle der diffusen Mitte

Was ist die Mitte denn nun eigentlich? Sie ist nicht wirklich festzumachen. Und im Wesentlichen eine Konstruktion, um sich nicht festlegen zu müssen. Doch selten ist die Mitte dieser Tage auf der Seite der Marginalisierten und Diskriminierten. Sie lebt davon, aus der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (ob gegen People of Colour, Armutsbetroffene, Menschen mit Behinderung, Frauen, LGBTIQ*, Flüchtlingen, Migrant*innen, „Nicht-Leistungsfähige“, Sozialleistungsbezieher*innen) vermeintlich „vernünftige“ Forderungen zu formen und soziale wie ökonomische Schieflagen zu ignorieren. Auf Grundlage eines angeblichen „Volkswillens“, der dort zu finden ist, wo am lautesten gebrüllt wird. Die vermeintliche Mitte ergeht sich in Schockbekundungen in Anbetracht der Ereignisse in Chemnitz, ist stolz auf ihr „ni droite ni gauche“, findet nichts weiter an der Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche und befeuert die Schieflagen damit noch weiter, um dann prompt die Marginalisierten für die Folgen dieser Schieflagen verantwortlich zu machen. Diese Mitte, die denkt, dass allein Gedenkstättenbesuche und „Nie wieder“-Tweets die Bevölkerung immun machen gegen Rassismen und antidemokratisches Denken, zugleich diskriminierende Politik umsetzt und – manchmal subtil, manchmal weniger subtil – mit dem Finger auf Sündenböcke zeigt. Die Mitte, die der Besorgnis jener, die mit Hooligans, Identitären und einer „Wir-werden-sie-jagen“-AfD mehr Gehör schenkt als den Menschen, die sich in ihrer täglichen Arbeit und durch ihr Engagment um das Schicksal der Marginalisierten und der so zerbrechlichen demokratischen und diversen Gesellschaft bemühen und die ab und an beim Wirten sitzen und sich darüber Sorgen machen, wo das noch hinführen soll.

Titelbild: Sonnenblumenhaus Rostock Lichtenhagen (c) mc005 CC-Lizenz

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