Noch a Weiße für den Horst*

Überleg grad, wann ich das letzte Mal in München war. Hm. Schon a paar Jährchen her. Die Stadt ist wie Salzburg, fällt mir grad auf. Nur größer. Aber die Leut‘ – exakt gleich. Weiß aber grad nicht, ob das gut oder schlecht ist.

Eins muss man ihnen lassen. Schön ist es schon da. So a Sommerspaziergang – fein. Aber langsam krieg ich Durst bei der Hitz‘. Schauen wir mal in Google Maps, ob da in der Nähe irgendwo ein Wirtshaus ist. Ah, da hammas schon. Jö, der Franziskanergarten ist ganz in der Nähe. Nicht blöd. Soll ja recht schön sein, der Gastgarten. Und grade mal zehn Minuten zu Fuß. A gutes Weißbier wär‘ eh nett. Na dann.

Puh. Ganz schön voll. Aber kein Wunder. Weil ja so schönes Wetter. Bist du…lauter Trachtenträger. Da is‘ irgendwas los. Und Livemusik. Na bumm. Ob ich da noch einen Sitzplatz krieg?

En…Entschu…Entschuldigung? Ich will wirklich absolut nicht stören. Ich wollte nur fragen, ob ich mich da noch herbatzen darf. HERBATZEN! Auf diesen Platz. Also ob da noch frei…Oh, das ist sehr nett! Wirklich! Sehr freundlich. Freut mich. Bitte? Länger warten muss man auf sein Bier. Aha. Na macht ja nix. Is‘ ja auch antrett voll. ANTRETT. Angetre…Viele Menschen hier.

Der Typ da an meinem Tisch kommt mir verdächtig bekannt…Hm. Vielleicht irgend ein TV-Bauerntheaterschauspieler. Dabei schau ich gar kein Bauerntheater.

Ah! Na hui, das ging ja schnell. Ja, ähm. Also: Ein Weißbier bitte. Nein, essen mag ich nix. Herzlichen Dank. Kein Stress. Ich kann warten, Herr Ober. Ist ja auch antre…Viele Menschen hier.

Hmmmmmhmhmmmm. Dumdidummdiii…Wie bitte? Sie müssen a bissl lauter sprechen, es geht so zu hier. ZUGEHEN TU…Laut ist es hier! Ob ich aus Österreich komme. Ja. Ja, ich komm aus Oberösterreich. Ah, da waren Sie grad letztens. Wo waren Sie denn? In Linz? Was haben Sie da gemacht? Ah, den Bundeskanzler Kurz haben Sie getr…Ja triff mich doch der Blitz beim Scheißen! Ich hab‘ mir schon gedacht, ich kenn Sie. Herr Seehofer! Ein Minister hier, ganz allein, ohne Personenschutz, ohne Entourage? Wie gibt’s denn sowas? Hat Sie keiner erkannt hier? Ah, die Leut‘ sagen, Sie schauen in Echt anders aus als im Fernsehen. Naja, ich hab‘ Sie ja auch nicht gleich erkannt. Tschuldigung vielmals dafür. Das ist mir jetzt sehr zwider. Ähm, unangenehm.

Danke fürs Bier! Herzlichen Dank. Das ging ja schnell. Ja, ich zahl gleich…Passt so.

Also Herr Minister…Herr Seehofer. Ja also so eine Überraschung! Wie? Horst darf ich sagen? Ähm. Das ist freundlich. Sehr volksnah. Ich bin die…Ach, entspannen tun Sie sich hier? Ja da haben Sie aber recht. War ja etwas anstrengend für Sie in letzter Zeit, könnte ich mir vorstellen. So bezüglich Merkel. Dings. Flüchtlinge. Streiterei. Und so. Und der Wahlkampf ist ja auch schon angelaufen. Dass Sie da Zeit für den Biergarten haben? Ja, ja da haben Sie recht. Ab und zu muss man sich auch abgrenzen zum Job. Seele baumeln lassen. Natürlich.

Schön, wenn’s Ihnen in Linz gefallen hat. Ah. Wie bei Freunden haben Sie sich gefühlt. Das kann ich mir vorstellen, da passt ja ideologisch kein Blattl Papier dazwischen. Wie ich das meine? Na, ich…ähm…wie soll ich das jetzt sagen. Also, unsere Regierung beherrscht ja das ablenkungsmanöverinduzierte Flüchtlingswellenansturmskatastrophenframing auch recht gut. Wieso sagen Sie jetzt danke? Wofür? Nein, das war kein Kompliment. Ich versuch’s noch einmal – bitte verzeihen Sie das Missverständnis. Mein Fehler. Ich probier’s so – und bitte, ich möchte Ihnen überhaupt nicht auf den Schlips treten: Sie lenken genau so gut von wichtigen gesellschaftspolitischen Themen ab wie Schwarzblau. Bitte schauen Sie mich nicht so bös‘ an. Ist nur meine Meinung. Und die darf man doch sagen, oder? Ob ich was gegen die österreichische Regierung hab‘? Ich sag‘ mal so: Ich hab‘ weder Blau noch Sch…Türkis gewählt. Was ich gewählt hab? Was anderes.

Ob ich auch ~so eine Linke~ bin? Nujo, von Ihrer Position aus gesehen sicher. Aber da ist jede*r links. Sehen Sie auch so? Schön, dass wir da einer Meinung sind. *räusper*



Hatten Sie nicht letztens grad Geburtstag? Den 68., oder? Wie ich auf 68 komm? Sie haben doch gemeint, an Ihrem Geburtstag seien 69 Menschen nach Afghanistan abgeschoben worden. Aber einer ist doch tot jetzt. Der hat sich umgebracht. Leben noch 68. Drum. Sie finden das gar nicht witzig? Glauben Sie mir. Ich auch nicht. Damals bei der Pressekonferenz haben Sie im Gegensatz zu mir geschmunzelt. Ich hab‘ nicht geschmunzelt. Ich find‘ das nämlich sehr schrecklich. Den Selbstmord des jungen Mannes finden Sie auch schrecklich? Ja aber…aber Sie können sich doch denken, warum dieser junge Mensch keine Hoffnung mehr gesehen hat. Nach acht Jahren in Deutschland. Und dann auf einmal heißt’s „Schleich dich“. Wo man sich ein Leben aufgebaut hat und Freunde gefunden hat und alles.
Das ist nicht Ihre Sache? Wie? Ach so, Sie müssen mit Vernunft an die Sache herangehen. Aber…entschuldigung, dass ich Sie unterbreche. Das ist mir nur sehr wichtig. Und wenn ich’s nicht gleich ausspreche, vergess ich’s wieder. Sie kennen das sicher.
Also: Ich frag‘ mich halt, wie vernünftig eine Vernunft überhaupt sein kann, wenn sie zur Folge hat, dass Menschen sterben. Sie finden, ich sei ein verblendeter Gutmensch? Wenn Gutmenschen diejenigen sind, die nicht wollen, dass sich 23-Jährige aufhängen aus lauter Verzweiflung, dann bin ich gern ein Gutmensch. Besser als jemand, dem andere egal sind. Die nur schauen, dass sie selber kriegen, was sie haben wollen. Neinein, damit meinte ich ~natürlich~ nicht Sie, Horst. (Doch tu ich wohl).

Oh mei, oh mei. Jetzt seh ich grade, dass Ihr Glas schon leer ist. Darf ich Ihnen noch ein Weißbier ausgeben? Ich würde mich gerne noch mit Ihnen weiter unterhalten.
Junger Mann. Junger Mann, bitte noch a Weiße für den Horst!
Wie? Ich darf Sie doch nicht Horst nennen.
Na, dann Herr Minister Seehors…Seehofer.
Dann bitte zwei Mal noch a Weiße.

*Ablauf, Aufeinandertreffen und Gespräch haben niemals stattgefunden. Ich schwör! Und mich gibt’s eigentlich auch nicht. #achtungsatire

Titelbild (c) cyclonebill | Quelle: Flickr | CC licensed

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