Wellen, Ströme, Festungen

Sprache schafft Meinung. Sprache schafft Bilder im Kopf. In seinem Kommentar „Was aus liberaler Sicht für eine „Festung Europa“ spricht“ schreibt Eric Frey, dass die liberale Asylpolitik für den europäischen Rechtsruck verantwortlich und die Antwort eine „Festung Europa“ sei. Ein Kommentar zum Kommentar. 

Spätestens seit Elisabeth Wehlings Arbeiten zum „political framing“ ist bekannt, wie stark Sprache unser Handeln beeinflusst:

„So wenig uns dies im Alltag auch bewusst sein mag: Wir alle denken und handeln tatsächlich nach Worten. Die Sprache, die wir hören oder lesen, aktiviert Frames in unseren Köpfen. Teil dieser Frames ist immer auch die kognitive Simulation von Dingen, die wir in der Regel überhaupt nicht als Teil von ›Sprache‹ einstufen – Bewegungen, Geräusche, Gerüche, Emotionen, Bilder und vieles mehr. Weil jedes Wort einen Frame aktiviert, kommuniziert man mit jedem Wort eine ganze Fülle von Ideen, die aufgrund unserer Welterfahrung mit diesem Wort in Zusammenhang stehen. Frames nehmen einen erheblichen Einfluss auf unsere Wahrnehmung, und sie können sich stark darauf auswirken, mit welcher Leichtigkeit wir Fakten und Informationen wahrnehmen. Denn nur dann, wenn ein Fakt in einen aktivierten Frame passt, sinkt er problemlos und schnell in unser Bewusstsein. Und nicht zuletzt nehmen die über Sprache aktivierten Frames direkten Einfluss auf unser eigenes Handeln.“ (Politisches Framing Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht, S. 41)

Im öffentlichen Diskurs – kürzlich gab es einiges an Kritik an der Themensetzung deutscher Talkshows – haben mittlerweile Begriffe wie „Flüchtlingswelle“ oder „Einwanderungsflut“ ihren fixen Platz. Sie werden zum Teil völlig unreflektiert übernommen, die „Festung Europa“ wird als probates Mittel und als Lösung genannt. Doch wie deuten wir Wellen, Ströme und Festungen?

Mit Wellen und Strömungen verbinden wir eine große und nicht kontrollierbare Masse flüssiger, beständig fließender und in Bewegung befindliche Substanzen. Eine Naturgewalt, anonym, unaufhaltbar, bedrohlich. Eine Sache, ein Ding, das uns mit hoher Wahrscheinlichkeit verletzen oder sogar töten könnte. Dieses Bild in Verbindung mit Menschen zu bringen, ist zumindest fragwürdig. Eine Welle ertrinkt nicht, wenn man Barrieren aufbaut. Eine Welle stirbt nicht unter Schmerzen, wenn sie an Felsen aufläuft. Strömungen können kein Leid erfahren oder Angst haben. Eine Welle bleibt genauso anonym, wenn man sie in einzelne Tröpfchen zerlegt. Der Mensch hat – löst man ihn aus der Anonymität – eine Geschichte, ein Schicksal, Gefühle. Auch, wenn wir das noch so sehr versuchen zu ignorieren, um unser schlechtes Gewissen beiseite zu schieben. Und mit ihm Menschenrechte, die unteilbar und unverbrüchlich sind.

Nun werden manche hergehen und sagen: Na eh klar. Diese romantische linke Kuh schon wieder. Doch ich muss schon fragen: Sind wir schon so weit, die Verteidigung der Menschenrechte – das Minimum, das uns allen zusteht – als „romantisch“ abzuwerten? Pfeift man also als Nicht-Linke*r auf die Menschenrechte oder wie kann man das jetzt verstehen? Konsequent zu Ende argumentiert müsste man dies folgerichtig bejahen. 
 
Was heißt der Aufbau einer Festung für das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit? Der Duden kennt den Begriff „Festung“ als „stark befestigte, strategischen Zwecken dienende Verteidigungsanlage“. Mit Festung verbinden wir Abwehr und Bewaffnung. Bei mir taucht ein mittelalterliches Bild auf: Die Festung, hoch auf dem Felsen. Am Fuße der Festung der Feind, der mit Pfeilen und heißem Pech davon abgehalten wird, in die Festung einzudringen. Umgekehrt kommt auch niemand aus der Festung heraus. Man bunkert sich ein und hofft, dass die Vorräte noch lange genug reichen. Ich unterstelle keineswegs, dass jede*r, der_die eine „Festung Europa“ fordert, das möchte (so hoffe ich zumindest). Aber es geht ja hier um Sprachbilder. Und wir müssen uns die Frage stellen, was das Bild der Festung denn konkret vermittelt. Es vermittelt, dass die Freiheit derer, die vor den Toren stehen eingeschränkt wird. Aber ebenso die Freiheit jener, die innerhalb der Festungsmauern sitzen und sich fürchten. Mit Pfeil und Bogen im Anschlag, immer darauf wartend, dass etwas Schreckliches passiert. Ist das das Leben, die Freiheit und die Sicherheit, die wir uns für uns selber wünschen? Ist man frei, wenn man ständig Angst hat? 

Noch einige Worte zur Schlussfolgerung, dass mit der Beschränkung der Zuwanderung die Angst vor selbiger vergeht: Weder Xenophobie noch Rassismus oder Antisemitismus haben bisher die tatsächliche Anwesenheit der jeweiligen Feindbilder gebraucht. Wir kennen das: Angst vor Flüchtlingen dort, wo keine Flüchtlinge leben. Antisemitismus ohne Juden. Besonders starke Tendenzen zur Xenophobie in Regionen, wo überhaupt keine Menschen mit Migrationsbiographie leben. Homo- oder Transphobie bei Menschen, die noch nie in ihrem Leben Berührung mit LSBTTIQ*-Menschen hatten. Das beste Beispiel in Europa ist dafür Ungarn: Wurden zuerst Maßnahmen gegen Obdachlose, später Flüchtende und Flüchtlingshelfer*innen ergriffen und massive antisemitische Kampagnen gefahren, so wird jetzt gegen Homosexuelle polemisiert. Derartige Muster funktionieren stets nach folgendem Schema: 

  • Feindbild suchen und benennen.
  • Wahl der Frames bis hin zu Umdeutung bisher positiv besetzter Begrifflichkeiten.
  • Kampagnisierung und Aufbau des Bedrohungsszenarios, das angeblich durch das Feindbild entsteht.
  • Öffentliche Stimmung schlägt um; andere Medien übernehmen die Frames. Das Hinterfragen der sprachlichen Rahmen bleibt aus. Der Ruf nach schärferen Gesetzen – egal, wie diskriminierend und die eigene Freiheit einschränkend sie auch sein mögen – wird laut. 
  • Umsetzung

International ist die Forderung nach der Bekämpfung der Fluchtursachen ein gern hervorgekramtes Bonmot. Tatsächlich passiert das Gegenteil. Das Waffengeschäft brummt, auf die desaströse ökologische Situation wird gepfiffen, historische und gleichzeitig sich bis heute auswirkende Gründe – Stichwort Kolonialismus und seine Folgen – werden ignoriert, die Ausbeutung besonders rohstoffreicher und trotzdem verheerend armer Regionen geht munter weiter, ethnische Konflikte werden weiter angeheizt und Entwicklungshilfen gekürzt. All dies wird wieder zunehmend nationalstaatlichen Interessen geopfert, die Fluchtursachen sind am Ende des Tages powidl, Menschenrechtsverletzungen haben noch nie besonders interessiert. Nachhaltige Konzepte fehlen und weil ja alles so kompliziert ist, lässt man’s lieber gleich bleiben und fokussiert sich dann doch am Ende des Tages auf die Bekämpfung der Flüchtenden, während man zugleich die eigenen Freiheiten nur allzu gerne aufgibt. Hauptsache die Wellen, Strömungen und Tsunamis aus Menschenfleisch bleiben draußen. Festungen sind vieles. Liberal sind sie nicht.

Beitragsbild (c) Memorator | Quelle | Lizensiert unter Creative Commons

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