by Wiltrud Hackl & Kathrin Quatember

Am 10. Februar titelt die Krone „Hasenjagd“-Posting aus der SPÖ regt Stadtchef auf. In einem Interview meint der Linzer Bürgermeister Klaus Luger, sein Schauferl zur Aufregung über einen Tweet der SPÖ-Nationalratsabgeordneten und erinnerungspolitischen Sprecherin Sabine Schatz auch noch beitragen zu müssen. Das bedarf einer näheren Betrachtung, so meinen wir.

Schon im ersten Absatz meint Luger „Ich finde den Vergleich mit der „Hasenjagd“, einem der schwersten NS-Verbrechen in Oberösterreich, völlig unangebracht. Man kann zum Besuch des Burschenbundballs unterschiedlicher Meinung sein, aber die Reaktion der Abgeordneten Schatz ist völlig deplatziert.“ Die, die sich so aufregen über den Tweet, scheinen ihn nicht so ganz gelesen oder verstanden zu haben. Also rufen wir ihn uns noch einmal in Erinnerung:

Öhm, Frage: Vergleich wo? Vergleich where? Sabine Schatz hat zwei Gegebenheiten nebeneinandergestellt. Zudem ist es doch recht bemerkenswert, dass der Linzer SPÖ-Chef meint, man könne zum Besuch des Burschenbundballs „unterschiedlicher Meinung“ sein. Kann man. Sollte man als Sozi aber halt nicht. Als Sozialdemokrat*in sollte man vor allem Antifaschist*in sein. Und zwar nicht nur dann, wenn es gilt,  irgendwo Kränze niederzulegen oder bei Befreiungsfeiern ganz besonders betroffen dreinzuschauen, während man mit belegter Stimme und besonders vielen „Nie wieder“s sich pseudoerinnerungspolitisch einen runterheuchelt. Geht es darum, tatsächlich wachsam zu sein und die großen und kleinen Grenzüberschreitungen zu benennen, überlässt man die Arbeit dann doch lieber wieder anderen. Denen man dann nicht zur Seite steht, nein. Sondern die man auffordert, sich für ihre Klarheit und Eindeutigkeit, ihren Mut und ihre Haltung auch noch zu entschuldigen.

Michael Köhlmeier meinte in seiner Rede am 2. Februar 2019 akkurat anlässlich der Gedenkfeier in Erinnerung an die Opfer der als „Mühlviertler Hasenjagd“ bezeichneten Verfolgung und Ermordung von Mauthausender KZ-Häftlingen sinngemäß: Winzig kleine Schritte seien es gewesen, die schließlich zu Treblinka, Majdanek, Auschwitz, Mauthausen und zur Menschenhatz im Mühlviertel geführt haben. Und die Geschichte fordere uns auf, auf die winzig kleinen Schritte zu achten, die heute getan werden. Wer heute bei solchen vermeintlich kleinen Grenzüberschreitungen „Halt“ rufe, laufe Gefahr, als Querulant*in abgestempelt zu werden (kommt uns bekannt vor, nicht wahr). Wer immer wieder die Stimme erhebe gegen die kleinen und großen Schritte der Niederträchtigkeit, laufe Gefahr, zum Ärgernis zu werden (schau, schau. Das kennen wir doch von wo).

Antifaschismus, wie er der Sozialdemokratie eigentlich eingebrannt sein sollte, so sie noch sozialdemokratisch ist, ist nichts Bequemes oder etwas, für das man sich zu entschuldigen hat. Schon gar nicht bei Proponenten einer Partei, die ihre eigene Rolle im Austrofaschismus bis heute nicht aufgearbeitet hat. Antifaschismus ist keine Kranzniederlegung oder etwas, das nur dann praktisch erscheint, wenn man damit nirgends anstreift.

Auch wenn es langsam müßig wird, die Notwendigkeit einer Erinnerungspolitik zu beschwören, die Fakten und Ereignisse zu einander in Bezug setzt, sie kontextualisiert und dadurch lebendig macht – es scheint sich an der Dringlichkeit nichts verändert zu haben.

Und Antifaschist*innen sind diesbezüglich dieser Tage wirklich ausgelastet – dem Gedenken an die Morde im Mühlviertel folgt schließlich das Gedenken an die Ereignisse rund um den 12. Februar 1934, als aus Österreich mit Gewalt ein christlicher Ständestaat und schließlich eine austrofaschistische Diktatur wurde, mit allen Konsequenzen für sozialistische, feministische, demokratische, proletarische, kommunistische Menschen – eine Zeit, die im Übrigen in manchen Belangen (Diskussionen über Abtreibung und Zensur, Antiparlamentarismus, Angriffe gegen die Verfassung etc.) gespenstisch an heute erinnert, wie sich in den vielen Gedenken rund um den 12. Februar jährlich zeigt. Wäre der Linzer Bürgermeister etwa heute Vormittag bei einer Matinee im ehemaligen Hotel Schiff anwesend gewesen, hätte er wie etwa 130 weitere Besucher*innen auch aus Texten und Erinnerungen u.a. von Marie Jahoda, Käthe Leichter oder Bruno Kreisky ebendies erfahren. Allerdings war er nicht anwesend, und so ist ihm die bedrückende Parallelität entgangen, die viele hier wie eine Warnung vor antidemokratischen Umtrieben auch im Heute erlebten. Nein, der Linzer Bürgermeister war nicht anwesend, an diesem Sonntag, hier im ehemaligen Hotel Schiff, wohl aber auf den Seiten der Sonntagsausgabe einer oö. Tageszeitung. Eben dort äußerte er sich über besagten Tweet von Sabine Schatz und darüber, was nun seiner Meinung folgen müsse: Einen Kotau soll sie also machen, dafür, dass sie einzig und allein zwei Fakten erwähnt hat, die – so nebeneinander – offenbar bei genau den Richtigen für massives Unbehagen gesorgt hatten.

Als Bürgerinnen, als Demokratinnen, als Feministinnen und als zur Hälfte Historikerinnen möchten wir an dieser Stelle festhalten: einer, der auf einen Burschenbundball geht, braucht niemanden, der an seiner Stelle für „Wirbel sorgt“. Eine demokratische Republik wie Österreich und eine Partei wie die SPÖ brauchen gerade in Zeiten wie diesen Politikerinnen wie Sabine Schatz, die den Finger in Wunden legen, die warnen, die sich nicht einschüchtern lassen und keinen Kotau machen. Und ganz gewiss braucht unsere offene, gleichberechtigte Gesellschaft keine weiteren männlichen Politiker, die meinen, es sei ihre Aufgabe, jungen Frauen auszurichten, was sie zu tun und zu lassen hätten.

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