Wer auf Twitter – oder generell auf Social Media – unterwegs ist und dort vornehmlich über Diskiminierungserfahrungen, Sexismus, Rassismus, Transfeindlichkeit, Armutserfahrungen, Rechtsextremismus und/oder auch die eigenen Ängste schreibt, kennt sie: Die Drukos from hell. Die Drunter- oder manchmal auch Drüberkommentare, in denen Erfahrungen abgesprochen oder relativiert, „gute“ Ratschläge verteilt oder Intentionen unterstellt werden. Wo aufgefordert wird, weniger „emotional“ zu sein oder wo’s auch heißt „von dir hätte ich mir ~so etwas~ nicht erwartet“. Vor diesen Reaktionen ist man übrigens nie gefeit, wie ich vor nicht allzu langer Zeit in einem gröberen Shitstorm erfahren musste, der damit anfing, dass ich – aus meiner Expertise heraus – mehr Sensibilität im Umgang mit negativ und einschlägig besetzten Begriffen einforderte.

Diese Drukos und Drükos sind anders als die Hassnachrichten und -postings, von denen wir immer wieder lesen und hören oder die wir auch selbst schon bekommen haben. In denen mit Vergewaltigung oder Mord gedroht wird oder man aufgefordert wird, sich doch umzubringen. Im Vergleich dazu kommen die von mir gemeinten Drukos und Drükos sprachlich (teilweise) nicht ganz so brachial daher, sind aber durchaus übergriffig und mitunter verletzend. Aber eben um einiges subtiler und deswegen auch perfider. Reagiert man darauf nicht so, wie’s erwartet wird (oder war eine Reaktion möglicherweise gar nicht intendiert) oder macht darauf aufmerksam, dass der Kommentar weder besonders hilft (etwa in Angstsituationen) oder in Richtung „Silencing“ (Beispiel: „Was du sagst, interessiert doch niemanden“) oder „Tone Policing“ (Beispiel: „Wieso reagierst du jetzt so hysterisch auf meinen Kommentar, dass kannst du doch auch anders sagen“) geht, kann die Situation schnell so kippen, dass dann doch die eine oder andere Hassnachricht in den DMs landet. Oder wahlweise auch ellenlange Erklärungen, warum man das doch nicht „so ernst“ nehmen und „sich abregen“ soll.

Ich habe einige Zeit darüber nachgedacht, ob ich eher allgemeiner bleiben oder doch konkrete Beispiele verwenden soll. Aus einem simplen Grund – nämlich Selbstschutz – bleibe ich beim Allgemeinen. Alle Situationen hab‘ ich jedoch entweder selbst erlebt oder bei engen Vertrauten und/oder Mutuals (also Accounts, die mir folgen und denen ich wiederum folge) beobachtet.

#1 Silencing

Das „Geek Feminism Wiki“ beschreibt den Begriff folgendermaßen:

Silencing refers to techniques used to shut women up when they complain about sexism or other problems. It encompasses harassment or intimidation that discourages women from speaking out, shaming and humiliation targeted at women who do speak up, and techniques used to dismiss or deny the legitimacy of womens‘ speech.

https://geekfeminism.wikia.org/wiki/Silencing

„Silencing“ kommt vielfältig daher. Beispielsweise, indem sich sofort auf die Twitter-Bio bezogen wird. Wenn User*innen Infos wie „non-binary“, „feminist“, „person of colour“ oder „disabled person“ in der Twitterbio stehen haben, wird das gerne dafür verwendet, die Kritik an z.B. Sexismus zu delegitimieren („typisch Feministin“, „Feminazi“, „von Radikalfeministin ist nix anders zu erwarten“ etc.), es wird pathologisiert („der_die ist doch/du bist doch „krank“, „gestört“) oder gleich direkt zu Bodyshaming übergegangen (mit Bezug aufs Profilbild oder geposteten Fotos).

Eine andere Form ist etwa auch das Herausfinden und Veröffentlichen des „real name“ bei anonymen Accounts, bisweilen auch gemeinsam mit dem Foto plus mehr oder weniger expliziter Drohung. Das Ziel ist relativ klar: Einschüchterung. Betroffenen User*innen dann vorzuwerfen, sie seien „selbst schuld“, gehört übrigens auch in weiterer Folge zu einer Silencing-Strategie dazu.

#2 Tone Policing

Bei Tone Policing handelt es sich also um derailing und ein Strohmannargument, das den Diskurs vom eigentlichen Thema zu einem ganz anderen verschiebt und somit den Austausch abblockt. Statt also den Inhalt des Textes zu kommentieren — ja auch nur wahrzunehmen –, stürzen sich Menschen auf den emotionalen oder heftigen Tonfall und werten damit nicht nur den Beitrag der marginalisierten Person ab, sondern stellen diese auch noch aktiv stumm. Sie transportieren mit ihrer Kritik am Tonfall, dass sie nur unter bestimmten Bedingungen zuhören wollen. Natürlich fühlt es sich nicht schön an, auf eine sexistische/rassistische/antisemitische Formulierung hingewiesen zu werden, aber das soll es auch gar nicht. Feminismus, Antirassismus und so weiter sind nicht gemütlich.

https://feminismus-oder-schlaegerei.de/2019/02/09/tone-policing-lasst-mich-verdammt-noch-mal-wuetend-sein/

Ähnlich wie auch beim Silencing geht es hier um eine Abwertungsstrategie. Das „Nicht in diesem Ton“ hat eins zum Ziel: Vom Anliegen abzulenken. Dazu hier noch mehr.

Auch die Journalistin und Feministin Nicole Schöndorfer hat sich in ihrem Podcast „Darf sie das?“ mit dem Thema auseinandergesetzt.

#3 „Gut gemeinte“ (?) Ratschläge, die mehr schaden als nützen

Ich selbst nutze Twitter unter anderem auch in bedrohlichen oder unangenehmen Situationen. Einerseits, um dafür zu sensibilisieren. Andererseits, um mir ein Backup von der Community zu holen. Ein Weg, den man natürlich gehen kann aber nicht muss. Der aber in der Situation durchaus helfen kann.

Vor kurzem ging es konkret um eine Person, mit der ich bereits äußerst ungute Erfahrungen machen musste. Diese Person stieg in den Bus ein, in dem ich bereits saß. Es war spät am Abend. Und ich twitterte dazu. Mehrere Userinnen schrieben mich an und begleiteten mich durch die sehr unangenehme Situation nach Hause. Sie warteten mit mir, bis ich safe war. Doch es kamen auch Ratschläge. Zum Beispiel, ich solle doch „keine Angst“ haben und im Falle eines Angriffs zutreten. Vielleicht gut gemeint, aber wenig hilfreich. Ein Tritt hätte im konkreten Fall möglicherweise zur kompletten Eskalation geführt und auf Kommando „keine Angst“ zu haben suggeriert, man könne ein Bedrohungsgefühl einfach so an- und abschalten.

Hilfe und Support anzubieten ist ja grundsätzlich etwas Gutes. Aber ungefragt Ratschläge aufdrücken (noch dazu, wenn man die Hintergründe und bisherigen Erfahrungen nicht kennt) und dann sauer reagieren, wenn der Ratschlag abgelehnt wird, ist kein Support. Im konkreten Fall einfach fragen: Kann ich dich irgendwie unterstützen? Und auch akzeptieren, wenn das Angebot abgelehnt wird. Es ist nicht so schwer.

#4 Diskriminerungserfahrungen absprechen

Es gehört viel Mut und Überwindung dazu, über diskriminierende Erfahrungen, Ängste oder erlebte Armut zu schreiben. Social Media hat den unschätzbaren Vorteil, dass Betroffene nun Kanäle haben, wo sie bestimmen können, welche Erfahrungen sie teilen oder eben nicht und wie sie das ansprechen möchten

Wenn dann allerdings Drukos folgen, in denen gemeint wird, das sei doch „nicht so schlimm“, man solle sich doch „auf die Füße stellen und endlich aus der Opferrolle rauskommen“ oder „wer arbeiten will, bekommt auch Arbeit“, verkennen die Drunterkommentierer*innen völlig, was das mit Betroffenen macht. Oder möchten mit vollster Absicht Marginalisierten ihre Erfahrungen absprechen, indem sie nicht anerkennen, dass strukturelle Schieflagen nun einmal existieren und es Menschen gibt, die massiv drunter leiden. Ein kleiner Hint: Darüber zu schreiben IST Selbstermächtigung.

Fazit

Nein, das Internet ist nicht an allem Schuld. Natürlich spielen gewisse Mechanismen eine Rolle: Das Gegenüber ist körperlich nicht anwesend. Unmittelbare Reaktionen, die wir im direkten Gespräch etwa an der Körpersprache ablesen können, fehlen. Dennoch spiegelt all das Genannte eine Grundhaltung wider, die wir genauso im „real life“ jeden Tag erleben: Abwertung, Relativierung von Diskriminierungserfahrungen und Silencing kennen wir im Berufs- wie auch im Privatleben oder in Institutionen.

Die Forderung, man „müsse damit umgehen lernen“ wirft das Problem auf jene zurück, die ohnehin schon mit viel Hürden konfrontiert sind. Die eigene privilegierte Erfahrungswelt anderen überzustülpen ist und bleibt eins: Paternalistisch.

Die Autorin Sibel Schick hat das in einem Tweet zusammengefasst:

Ich lass das mal so stehen.

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