Neulich hat da jemand in diesem Internet behauptet, wer „nur“ 8 Stunden pro Woche arbeitet, falle nicht unter „Leistungsträger“. Es spielt keine Rolle, wer derjenige ist. Aber was durchaus eine Rolle spielt, ist die Aufladung des „Leistungsträger“-Begriffs. Es ist ein wertender Begriff. In Wahlkämpfen und im politischen Diskurs gerne verwendet, um festzumachen, wer was an Zuwendung – an zeitlicher, an fördernder, an finanzieller, an sozialer, an emotionaler – verdient hätte und wer nicht.

Nun frage ich: Was ist denn nun eine „Leistung“? Und warum sind wir so scharf auf einen Begriff, der ein Dogma befeuert, das in weiterer Folge dazu führt, dass nur gefördert und unterstützt wird, wer vorher schon „Leistung“ erbringt?

Komplettversagen

Gerne wird „Leistung“ umgerechnet in Geld. Wer viel Geld hat, leistet viel. Wer wenig Geld hat, leistet wenig. Wer kein Geld hat, leistet nix. So einfach, so falsch. So vermeintlich simpel, so menschenverachtend. Wer sich nur einmal mit Armutsbetroffenen, mit prekär Beschäftigten, mit chronisch Erkrankten, mit Menschen mit Behinderung und Mehrfachdiskriminierten (um nur einige Beispiele zu nennen) über die täglichen Struggles, mit denen sie konfrontiert sind unterhalten hat, der_die weiß, dass diese Gleichung so nicht funktioniert. Es ist ein Komplettversagen des politischen Diskurses, dass Menschen mit finanziellen Privilegien aka „Leistungsträger_innen“ gefördert und unterstützt gehörten, während jene, die ohnehin schon endlos Energie für die Bewältigung ihres Alltags und ihrer Existenz aufbringen müssen, als Versager_innen punziert werden, die einfach nur nicht „genug leisten“ und deswegen – quasi hausgemacht – in einer beschissenen Situation seien.

Was ist Arbeit?

Was Arbeit macht, wird nicht automatisch als Arbeit gesehen. Arbeit ist nur Arbeit, wenn’s Geld bringt, so die Denkweise. Genau dieses Verständnis deckt so vieles und so viele zu. Und es verschärft bereits bestehende Ungleichwertigkeitsvorstellungen. Dabei steckt „Arbeit“ in vielen Worten drin. Sei’s Beziehungsarbeit, Care-Arbeit, „emotional labor“ – all das sind Formen der Arbeit, die nicht bezahlt werden und die uns aber alle auf die eine oder andere Weise jeden einzelnen Tag in unserem Tun begegnet. Und die nicht selten eben genau jene betrifft, die als nicht „leistungswillig“ (was für ein grausiges Wort) an den Rand der Gesellschaft gestellt werden. Das ist zynisch. Jemand, der_die unter einer Traumatisierung leidet, hat um einiges mehr emotional labor zu leisten als jemand, der_die diese Last nicht zu tragen hat. Jemand, der_die unter prekärsten Bedingungen einer Erwerbsarbeit nachgehen muss, um die Existenz zumindest halbwegs abzusichern (yay, allmächtiger freier Markt) ebenso.

„Selber schuld“

All das sind die Menschen, die belastet werden durch den Druck einer Gesellschaft, die der Meinung ist, dass Erwerbsarbeit und ein hohes Gehalt ein angemessener Maßstab seien um zu bewerten, was sich der_die einzelne „verdient“ hätte. Ob man durch ein solidarisches Sozialsystem gefördert werden soll oder halt eben nicht. Ebenso zynisch die Erzählung, dass nur jene sich Unterstützung „verdient“ hätten, die „unverschuldet“ in eine prekäre Situation gekommen sind. Was heißt das denn konkret? Dass du halt selber Schuld bist, wenn du keinen Job findest, weil du aufgrund deiner Care-Arbeit zu „unflexibel“ seist? Dass du selber Schuld bist, wenn dich die Depression auffrisst und du dein Leben lang damit kämpfst? Dass du selber Schuld bist, wenn du das Pech hast, aus einem Kriegsgebiet zu kommen? Dass du selber Schuld bist, wenn du aus einer Familie kommst, die das Geld nicht hat, um dich bei der Ausbildung zu unterstützen oder die Netzwerke, um dir die Rutsche zu legen?

Wir müssen uns sehr grundsätzlich die Frage stellen, was Solidarsystem genau heißt. Wenn Konservative und Neoliberale es durch die Etablierung der für sie günstigen Narrative schaffen, dass es mehr Mitgefühl und Solidarität für Millionenerb_innen und Höchstvermögende gibt (Stichwort Erbschafts- und Vermögenssteuer) statt für Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen auf einen funktionierenden Sozialstaat – dieses Netz, das ohne wenn und aber aufzufangen hat – bauen dürfen sollten, dann gilt es umso mehr, auf der Forderung nach einer Umverteilung draufzubleiben. Und sich nicht mehr einzulassen auf Leistungsträgergleichungen, die nichts anderes im Sinn haben als Ungleichwertigkeit einzubetonieren.

One Comment

  1. Hallo!
    Immer wenn ich deine Ausführungen lese, muss ich am Martha C. Nussbaum denken, vielleicht findest du in ihrem Buch : ‚Die Grenzen der Gerechtigkeit‘ oder in ihrem Buch: ‚Königreich der Angst‘ weitere Anregungen für dich.
    Lg Dagmar

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