Der Journalist Malcolm Ohanwe hat einen Thread auf Twitter veröffentlicht, in dem er einfordert, über das Weißsein zu sprechen. Über den internalisierten Rassismus. Und über weiß-suprematistische Strukturen.

Nun bin ich keine Journalistin. Aber das ist völlig egal. Ich bin weiß. Ich habe Privilegien – genau deswegen. Und eigentlich ist es viel zu spät, darüber zu reden. Shitstorms bekam ich bisher, weil ich Feministin bin. Oder zu Rechtsextremismus recherchierte. Doch noch nie, weil ich über den eigenen, den internalisierten Rassismus gesprochen habe. Weil rassistisch sind doch immer die anderen. Damit höre ich auf. Damit, mich selber heilig zu sprechen.

Wenn der folgende Text einen Shitstorm zur Folge hat, dann ist das so. Aber irgendjemand muss anfangen. Und auch wenn es schmerzt, wenn es wehtut, ich mich unendlich dafür schäme und ich Fehler machen werde. Es wird niemals so schmerzen wie Rassismuserfahrungen, die ich nie machen muss. Eben weil ich weiß bin.

Dann fang ich mal an.

Ein Schritt auf die Seite

Malcolm Ohanwes Tweets – nicht nur seine, aber vor allem sein Thread – haben mich an Situationen erinnert, an die ich mich nicht gerne erinnere. Weil ich mich dafür schäme. Es sind Situationen auf der Straße. In den Öffis. Wenn eine schwarze Person einsteigt und ich den einen Schritt auf die Seite mache, den ich bei einer weißen Person nicht machen würde. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es schon lange her ist, dass ich bewusst damit aufgehört habe. Und dass ich mir dieses Verhalten überhaupt erst bewusst machte. Und ja, ich gebe es zu: Dieser Prozess, dieses Bewusstmachen ist noch nicht vorbei. Das wird vermutlich auch nie vorbei sein.

Immer unter Weißen

Ob in der Schule, auf der Uni oder in der Erwerbsarbeit, ob beim Ausgehen oder im Freundeskreis: Ich habe mich immer nur unter Weißen bewegt. Zwar sah ich mich selber immer als Antifaschistin und Antirassistin. Doch die Rassist_innen waren immer die anderen.

„Ich? How dare you! Beleidig mich nicht, indem du mich Rassistin nennst!“

Vom strukturellen Rassismus las ich erst auf Twitter. Und selbst da sah ich mich lange nicht als Teil dieser Struktur. Als Teil des Problems. Als selbstzufriedene, ausschließlich in weißem Umfeld agierende und lebende Person sah ich den Fehler nicht bei mir. Ich bekam ja die Jobs. Ich bekam die Chancen. Ich wurde nie gefragt „Woher kommst du denn jetzt WIRKLICH?“ und ich wurde auch nie gefragt „Darf ich deine Haare anfassen?“. Bei mir gehen Menschen nicht einen Schritt auf die Seite, wenn ich in die Bim einsteige. Bei mir halten Menschen nicht ihre Tasche fest, nur weil ich nach dem Weg frage. Ich werde nicht automatisch auf Englisch angesprochen, weil ich aussehe, wie ich aussehe und weil angenommen wird, ich sei „nicht von hier“. Und ja, ich habe das auch getan: Schwarze Menschen automatisch auf Englisch angesprochen und sie gefragt „Where do you come from?“. Ich habe auch meine Tasche schon festgehalten. Und trotzdem sah ich mich immer als Antirassistin. Weil rassistisch sind immer nur die anderen.

Reflexe

Es sind diese Reflexe, die immer wieder hochkommen. Der Versuch der Abwehr, wenn ich Forderungen von schwarzen Menschen lese und höre. Forderungen an die weiße Mehrheitsgesellschaft, deren Teil ich bin. Forderungen an mich. Dann kommt bei mir reflexartig ein „Ich bemüh mich ja eh schon so, lasst mich doch in Ruhe“ hoch. Denn ich bin doch eine antirassistische Heilige. Sind wir woken Antira-Weißen das nicht alle? Wir tun ja eh schon, wir bemühen uns ja so sehr. Das muss doch reichen!

Natürlich reicht das nicht.

Würde ich Platz machen?

Es ist die große Frage, die mich umtreibt. Würde ich meinen Job hergeben, damit eine schwarze Person ihn bekommt? Und kurz blitzen die Existenzängste auf, die ich schon so oft hatte in den Jahren des Prekariats. Und dennoch sind diese Ängste nichts im Vergleich zu denen, die schwarze Menschen in einem rassistischen System erleben. Würde ich meinen Job bedingungslos hergeben? Diese Frage kann ich nicht mit einem lauten JA beantworten, denn dann würde ich lügen. Und ja, ich weiß: Auch das ist Teil dieses Systems, in dem ich als Weiße lebe und von dem ich profitiere. Wenn’s darum geht, die eigenen Privilegien herzugeben, ist’s schnell vorbei mit dem antirassistischen Bekenntnis. Und das an mir selbst zu sehen und das auch niederzuschreiben schmerzt enorm. Sich selber in der eigenen angeblichen Aufgeklärtheit schönzureden – damit müssen wir als Weiße aufhören. Denn ja: auch das ist Teil eines weiß-suprematistischen Denkens. Die Nicht-Fähigkeit zur Reflexion und dem Eingeständnis, dass wir in unserer selbstzufriedenen Bequemlichkeit #blacklivesmatter-Postings rausballern, während wir weiterhin auf unseren Positionen und Privilegien sitzenbleiben und in Wahrheit ja doch nicht so viel am System ändern wollen, wie wir vorgeben.

Der Blick in den Spiegel

Der Blick in den Spiegel zeigt, wogegen ich mich zu lange wehrte: Ja, ich bin Teil einer rassistischen Gesellschaft. Ja, ich profitiere von einem rassistischen System. Ja, ich ertappe mich immer noch dabei, rassistisch zu denken und zu handeln. Eine Absolution will ich nicht und ich erwarte sie mir auch nicht. Ich will beginnen mit dem, was Malcolm Ohanwe einfordert: Als Weiße laut aussprechen, wofür ich mitverantwortlich bin. Und ich fordere es hiermit auch von anderen ein. Was der Spiegel zeigt, ist nicht schön. Doch es ist Bedingung dafür, dass sich etwas ändert.

Die Rassist_innen sind nicht die anderen.

KatQuat Gesellschaft

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