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Beinahe ein Jahr ist der letzte Blogbeitrag her. Ich schrieb ihn anlässlich des Todes von Lisa-Maria Kellermayr. Ich musste ihn selbst noch einmal lesen, denn ich konnte mich nicht mehr an das Geschriebene erinnern. Es fühlt sich an, als wären seitdem hundert Jahre vergangen.

Ich möchte diesen Text heute und hier mit einem Absatz von damals beginnen. Ein Absatz, der heute noch wahrer ist als vor einem Jahr:

Österreich hat eine historische Kontinuität des Schweigens. Des Appeasements nach Rechts. Des „übertreibts nicht so“ und des „ja mei ma muss schon auch verstehen weil die Leut‘ fühlen sich halt abgehängt“.

Aus „Die Ära des „Übertreibts nicht so“ ist zu Ende“.

Beifall fürs Autoritäre

Während ich diese Zeilen schreibe, läuft der Stream der Befreiungsfeiern in Mauthausen. Ein Ritual, das so gleichsam nichts Ritualisiertes an sich hat. Ein Gedenken, das nicht in der Vergangenheit verhaftet ist, sondern uns die Notwendigkeiten für Gegenwart und Zukunft weist. Während Delegationen aus der ganzen Welt der Opfer des NS-Terrors gedenken – jener, die verfolgt und getötet wurden durch die Hände von Mörderinnen und Mördern aus der Nachbarschaft unter Kollaboration und Gleichgültigkeit der Massen – klatschen an anderen, an vielen Orten in Österreich Menschen der Idee einer autoritären „Festung Österreich“ Beifall. Oder nehmen es zumindest schulterzuckend hin. Als Kollaborateur*innen der Diskriminierung und einer politischen Sprache voll Gewalt und Aggression.

Es sind nicht ein paar wenige Fanatisierte. Es ist rund jede*r dritte Wähler*in.

Wir müssen uns entscheiden

Österreich hat eine historische Kontinuität des Schweigens und der Akzeptanz dieses Schweigens, das als Passivität missverstanden wird. Wer schweigt zur Idee einer „Festung Österreich“ und dem Ziel einer illiberalen, sozialdarwinistischen Gesellschaft, entscheidet sich aktiv dazu. Wer Beifall und Schweigen Verständnis entgegenbringt und den Nach-Unten-Tretern nach dem Mund redet, weil „die Leut‘ sind halt so und das muss man akzeptieren“, hat in Wahrheit aufgegeben. Sich selbst und die Menschen neben sich.

„Niemals vergessen!“ hören und lesen wir rund um das Wochenende der Gedenkfeiern im Mai in allen möglichen Formen und auf jede erdenkliche Weise. Doch hören wir auch wirklich hin? Ich behaupte nein. „Niemals vergessen!“ bedeutet nicht, ein Mal im Jahr zu Befreiungsfeiern zu gehen und ein Social-Media-Posting zu veröffentlichen. Es ist eine Grundentscheidung zu einer Haltung, keinen Menschen zurückzulassen. Es ist die Grundentscheidung zur Wachsamkeit, jene zu stützen, die straucheln. Jenen aufzuhelfen, die gestürzt sind. Und sich vor jene zu stellen, auf die hingetreten wird. Von den selbsternannten Baumeistern der Festungen, die jeden Lebensentwurf außerhalb des eigenen reaktionären als verkommen erachten, ausschließen und beseitigen wollen.

An der Kippe

Österreich war nie eine Insel des Seligen. Sondern eine Insel des Verdrängens, des Schweigens und Wegschauens. Wo Rassismus am Stammtisch zur Kulturtechnik erhoben wird, während 1,5 Millionen Menschen in Armut abzurutschen drohen, 1,4 Millionen bei der letzten Bundespräsidentschaftswahl nicht wählen durften, antisemitische Verschwörungsmythen fest in der Mitte der Gesellschaft verankert sind und die Zahl der Femizide in Österreich weiter steigt.

Wir stehen an der Kippe und drohen endgültig und unumkehrbar in eine autoritäre und antidemokratische Zukunft zu stürzen, in der es nur sehr wenige, sich an der Macht bereichernde Akteure (ohne *innen) geben wird. Doch unendlich viel Zerstörung und Verlust.