Grundsätzlich bin ich ja dagegen, jede Provokation zu kommentieren. Manche Dinge können wir geflissentlich ignorieren. Allerdings wackeln dann manchmal diverse Minister mit Takes ums Eck, die eingeordnet werden müssen.
Kürzlich hat das der ÖVP-Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer geschafft. Kein Verständnis hätte er, wenn „gesunde Menschen ohne Betreuungspflichten lediglich in Teilzeit arbeiten“. Auf LinkedIn klingt das Ganze (das nachdenkliche Schwarzweißfoto erspar ich euch) dann so:

Was passiert hier genau? Welche Botschaften finden sich im Text? Mehr als man auf den ersten Blick glauben könnte. Zeit, das Ganze Fuzerl für Fuzerl auseinanderzunehmen.
Das Intro: Der Minister spricht zu dir. So ganz im Vertrauen
„In den letzten Tagen ist eine Debatte entstanden, weil ich kritisch über freiwillige #Teilzeit gesprochen habe. Ich möchte das hier ganz direkt und persönlich einordnen.“
„Ganz direkt und persönlich“ ordnet er das ein? Das vermittelt den Leser*innen Unmittelbarkeit und soll vertraut-jovial rüberkommen. Ui, der Minister redet ganz „persönlich“ mit uns. Dann muss es ja besonders wichtig und ernst sein. Ein Kniff, um das Posting als etwas ganz Besonderes und Ehrliches zu präsentieren.
Trennung zwischen „guter“ und „schlechter“ Teilzeiterwerbsarbeit
In Wolfgang Hattmannsdorfers Postingtext passiert eine Spaltung in zwei Gruppen: Die „gute“ weil „notwendige/unfreiwillige“ Teilzeit und die „schlechte“, weil „freiwillige“ Teilzeit.
Die „gute“ Teilzeit
„Ich habe vollstes Verständnis für alle, die Teilzeit arbeiten, weil sie Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder andere Verpflichtungen haben. Gerade Frauen tragen hier oft eine doppelte Last – und das verdient nicht nur Respekt, sondern auch politische Unterstützung.“
Für Frauen mit Betreuungspflichten äußert er zwar „Verständnis“, am eigentlich Rollenbild hält er als konservativer Politiker aber natürlich schon qua Ideologie der ÖVP fest. Fehlende ganztägige und ganzjährige Kinderbetreuung (riesiges Problem in Oberösterreich, wo Hattmannsdorfer Soziallandesrat war, bevor er den Ministerposten bekam) fällt unter den Tisch, wird aber auch nicht gebraucht, weil die Rollenaufteilung ja ohnehin klar ist: Frauen leisten die unbezahlte Care-Arbeit, verdienen maximal in Teilzeit ein bisschen was dazu und wenn sie aufgrund der Vielfachbelastung aus den Latschen kippen und so richtig in Abhängigkeit geraten, dann ist das ein individuelles und privates Problem. Der geäußerte Respekt und die politische Unterstützung sind als Floskel ganz nett, realpolitisch hat sich die Lage unter der schwarzblauen Regierung in OÖ, der Hattmannsdorfer bis vor Kurzem angehört hat, besonders für Armutsbetroffene und -gefährdete immens verschärft. Darunter leiden Frauen in besonderem Maß. Wolfgang Hattmannsdorfers Bekenntnis zu Respekt und politischer Unterstützung ernst zu nehmen, fällt in Anbetracht der bisherigen Performance in OÖ – tschuldigung – eher schwer. Was bleibt also von dieser Aussage, wenn man sie übersetzt?
-> Unbezahlte Care-Arbeit, Mehrfachbelastung und zusätzliche Teilzeit-Erwerbsarbeit sind halt nun einmal Frauenschicksal. Am Status quo ändern wir aber trotzdem nichts.
Die „schlechte“ Teilzeit
Jetzt folgt der eigentliche Hauptteil:
„Was ich aber anspreche, ist etwas anderes: der Trend zur Lifestyle-Teilzeit. Also die bewusste Entscheidung für weniger Erwerbsarbeit – ohne Betreuungspflichten oder gesundheitliche Einschränkungen. Und ja, ich finde: Darüber darf man reden.
25 % der Teilzeitbeschäftigten geben offen an, dass sie einfach nicht mehr arbeiten wollen. Um diese Gruppe geht es. Nicht um Menschen mit Betreuungspflichten.
Dieser Trend nimmt zu. Und das ist ein Problem – für den Wirtschaftsstandort Österreich, für die Pensionen, für den Arbeitsmarkt und für unseren Wohlstand. Ein funktionierender Sozialstaat braucht wirtschaftliche Stärke und die gibt es nur, wenn viele mit anpacken.“
Hattmannsdorfer erfindet die „Lifestyle-Teilzeit“. Er unterstellt zwischen den Zeilen jenen, die keine Betreuungspflichten oder Erkrankungen haben, sich aus Spaß und Faulheit für Teilzeit zu entscheiden. Wer den Begriff „Lifestyle“ liest oder hört, entwickelt vor dem inneren Auge sofort konkrete Bilder: Am See liegen, reisen, feiern, Freizeit mit Freund*innen genießen. Der Artikel 24 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte kennt das auch als Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit. Und das ist auch bitter nötig! 40 Prozent der Erwachsenen in Österreich zeigen Burnout-Symptome. Dafür gibt es handfeste Gründe. Die Produktivitätssteigerung und Arbeitsverdichtung der letzten Jahrzehnte ist stark gestiegen. Im AK-Arbeitsklimaindex zeigen sich die besorgniserregenden Folgen: Die psychische Belastung ist alarmierend, permanenter Druck und Stress machen krank. Weitere belastende Faktoren sind fehlende Wertschätzung und Existenzdruck durch den starken Anstieg der Lebenshaltungskosten.
Die Beweggründe, sich für Teilzeit zu entscheiden, sind also weitaus komplexer und liegen erheblich tiefer, als die Hattmannsdorfer’sche Erzählung suggeriert. Anders gesagt: eine Entscheidung für die eigene Gesundheit, als Präventivmaßnahme, um bei bereits bestehender Symptomatik nicht noch tiefer ins Burnout zu rauschen oder schlicht Zeit für Gesundheitsversorgung wie Therapie und Ausgleich wie Sport und Sozialleben zu haben, kann eine große und notwendige Rolle spielen, sich für Teilzeit zu entscheiden. Weil mehr eben nicht geht. Oder Studierende, die nicht den Luxus eines vermögenden Elternhauses haben und zusätzlich zum Studium einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen. 70 Prozent der Studierenden gehen zusätzlich während ihrer Ausbildung arbeiten. Sie haben unter der Teuerung der letzten Jahre zudem besonders gelitten.
Ein weiterer Punkt ist die enge Definition der Sorgearbeit, wie Hattmansdorfer sie verwendet. Der Gender-Care-Gap umfasst nämlich weitaus mehr und begleitet uns ab der Kindheit. Care-Arbeit besteht nicht nur aus der Versorgung und Pflege von Angehörigen, sondern geht weit darüber hinaus. Da geht’s um mentale und emotionale Arbeit, die ganz selbstverständlich Frauen hingeschoben wird. Das beginnt damit, dass ihnen vom Konfliktmanagement am Arbeitsplatz und in der Familie bis hin zur Rolle der Zuhörerin und der Kümmernden diese unsichtbaren Verantwortungen viel eher umgehängt werden. Bezahlt wird’s nicht. Im Gegenteil, es wird sogar noch als typisch „weibliche“ Aufgabe und Kompetenz angesehen. Diese Vielfachbelastungen und falschen Selbstverständlichkeiten fordern enorm und können krank machen. All das ist Teil konservativer Rollenbilder, die mit „Arbeit“ nur Erwerbsarbeit meinen.
Ob die 140.000 unfreiwillig Teilzeitbeschäftigten auch in diese „Lifestyle“-Gruppe fallen, erfahren wir von Wolfgang Hattmannsdorfer ebensowenig wie die Tatsache, dass der Anteil der ausgeschriebenen Vollzeitstellen kontinuierlich sinkt. Von 89 Prozent im Jahr 2014 auf 74 Prozent im Jahr 2024.
Und nun zu einer besonderen Perfidie in Hattmannsdorfers Spin: Die als schlecht punzierte Gruppe wird gleich für eine Reihe von Entwicklungen verantwortlich gemacht und als schädlich für Wirtschaftsstandort, Pensionen, Arbeitsmarkt und überhaupt den gesamten Wohlstand dargestellt. Andere ökonomische und globale Faktoren für die wirtschaftliche Entwicklungen werden völlig ausgeblendet, eine komplexe Gemengelage so stark vereinfacht und um eine angebliche Ursache – nämlich die Teilzeiterwerbsarbeit – gruppiert und damit individualisiert, dass sich in dieser Erzählung ein klares Feindbild entwickelt. Die Rolle der Unternehmen, die immer weniger Vollzeitstellen ausschreiben, fällt ebenso unter den Tisch wie Arbeitsverdichtung, gesundheitliche Überlastung und atypische Beschäftigungsverhältnisse. Wir übersetzen wieder, was als Botschaft hängenbleibt:
-> Weil ein Teil der Teilzeitbeschäftigten am See herumliegt und Spaß mit Freund*innen hat, geht’s der Wirtschaft schlecht und Pensionen sowie Sozialstaat sind durch das Verhalten dieser Gruppe gefährdet.
Der Appell an die Solidarität?
Der Appell steht immer am Schluss. So auch bei Hattmannsdorfers Posting:
„Als Politik ist es unsere Aufgabe, ehrlich zu sein und keine falschen Sicherheiten zu vermitteln. Wir brauchen ein klares Bekenntnis zur Renaissance von Leistungsbereitschaft und Wettbewerbsfähigkeit. Nur so können wir unseren Sozialstaat langfristig finanzieren.
Lifestyle-Teilzeit ist weder solidarisch noch verantwortungsvoll, wenn sie zur gesellschaftlichen Norm wird. Viele unterschätzen, was längere Teilzeit für die eigene Altersvorsorge bedeutet. Und wir alle spüren, was sie für den Fachkräftemangel heißt.
Mir geht es nicht ums Verurteilen. Aber ich glaube: Wir müssen ehrlich sein. Leistung ist nicht altmodisch. Sie ist notwendig. Für die eigene Zukunft – und für die unserer Gesellschaft.„
Bezüglich Ehrlichkeitsbegriff: Natürlich ist auch das wieder ein Kniff. Wer extra erwähnen muss, ehrlich zu sein, vermittelt umso mehr seine eigene Version einer Geschichte. In Kombination mit den „falschen Sicherheiten“ im gleichen Satz stellt Hattmannsdorfers Darstellung einen Wahrheitsanspruch à la „Ich hab‘ recht, die anderen reden an Schaas“.
Die „Renaissance der Leistungsbereitschaft“: Wir erinnern uns das vorher im Text produzierte Bild von jenen, die am See liegen, mit Freund*innen feiern und chillen? Hier haben wir die Bestätigung der insinuierten Faulheit. Wie bereits weiter oben ausgeführt, sind Arbeitsverdichtung und Druck in der Arbeitswelt nachweisbar massiv gestiegen. Die Leistungsbereitschaft und das Leistungsdogma müssen nicht wiedergeboren werden. Beides war nicht nur nie weg, sondern ist sogar so groß, dass Menschen immer mehr unter Druck geraten. Manchmal so sehr, dass sie davon krank werden.
Der Appell an eine falsch verstandene Solidarität: Hattmannsdorfer ruft jetzt noch einmal das Feindbild in Erinnerung und verknüpft es mit fehlender Solidarität und fehlender Verantwortung. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und malt ein düsteres Zukunftsbild („wenn sie zur gesellschaftlichen Norm wird“). Das Problem der Altersarmut wird individualisiert. Dabei wissen wir, dass Altersarmut vor allem Frauen betrifft: Zwei Drittel der Armutsbetroffenen über 65 sind weiblich. Die Gründe dafür liegen in konservativen Rollenbildern, einem Pensionssystem, das die Lebensrealitäten von Frauen nicht abbildet, dem noch immer massiven Gender-Pay-Gap und – ja, wir drehen uns im Kreis – der ungleichen Verteilung von Care-Arbeit. Der angebliche Respekt fällt also in einem Absatz gleich wieder hinten runter. Anders gesprochen: Hattmannsdorfer fordert keine Solidarität nach unten, sondern nach oben.
Im letzten Absatz – und das ergibt sich durch den vorab gegebenen Kontext des Postingtextes – wird „Leistung“ implizit ein weiteres Mal mit Erwerbsarbeit gleichgesetzt. Es ist nach all dem, was vorangestellt wurde, gar nicht mehr notwendig, diese Gleichsetzung explizit zu erwähnen. Bei Leser*innen kommt’s nämlich genauso an.
Und der Vollständigkeit halber: Natürlich geht’s ums Verurteilen. Sonst stünde da kein relativierendes „aber“ dahinter.
Was bleibt: Die Konstruktion eines Feindbildes
Eigentlich erzählt dieser Postingtext eine sehr alte Feindbild-Geschichte: Nämlich die von angeblich egozentrischen Hedonist*innen, von Hängemattenliegenden, die sich auf Kosten der Allgemeinheit ein schönes Leben machen und lieber am See mit Freund*innen eine gute Zeit verbringen anstatt Überstunden zu schieben. Schuld sind sie natürlich an überhaupt allem, was so schief läuft. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass diese Strategie noch jederzeit ausgeweitet werden kann und vermutlich auch noch wird.
Nicht damit gemeint sind Milliardär*innen und jene, die von unbezahlter Care-Arbeit, niedrigen Löhnen, hohen Gewinnspannen, Renditen und prekären Arbeitsverhältnissen profitieren. Weil das wär ja Spaltung. Gell Wolfgang?