Triggerwarnung: Dieser Text behandelt Gewalt gegen Frauen und dadurch entstehende Belastungen. Wenn du selber betroffen bist: Hier findest du eine Liste an Anlaufstellen, Beratungsmöglichkeiten und Telefonnummern.
Innerhalb weniger Stunden habe ich heute drei Artikel gelesen. Alle drei behandeln Gewalt von Männern gegen Frauen: Körperliche, sexualisierte und psychische. Alle drei schildern mehr oder weniger explizit, was den Frauen angetan wurde. Eine der Frauen ist tot. Ob alle Opfer der hier geschilderten Vergewaltigernetzwerke überlebt haben, wissen wir schlicht nicht.
Jede Dritte von uns
Jede Dritte von uns erlebt ab ihrem 15 Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt. 13 Prozent – also rund jede Achte von uns – werden Opfer einer versuchten oder vollendeten Vergewaltigung. Die Zahlen kennen wir. Das Problem ist massiv und strukturell. Wo Opfer sind, sind Täter. Und zwar in einem Ausmaß, das das reflexartig entgegenschallende „not all men“ zu einem nur noch als grotesk zu bezeichnenden Nonsens macht. Alles nicht neu, alles geht weiter wie bisher. Tote Frauen versickern als Schlagzeile von gestern in den Archiven der Berichterstattung. Gerade einmal so lange wie es dauert, bis der nächste Täter beschließt, ein Frauenleben gewalt- und schmerzvoll und voller Hass zu beenden. Nur um sich danach zu ergehen im Selbstmitleid. Er konnte doch nicht anders und es täte ihm eh leid. Wenn’s hoch kommt.
Tote und verletzte Frauen: Damit zurecht kommen zu müssen und es zu oft nicht zu schaffen ist unser Alltag
Viele Frauen, die diese Zeilen lesen, kennen vermutlich das Gefühl, das ich nun versuche zu beschreiben. Bitte verzeiht, wenn es unbeholfen wirkt. Es fällt unglaublich schwer.
Wir lesen von Missbrauch und Gewalt. Wir lesen die Schlagzeilen. Wir sehen die Sharepics auf Social Media, wo ebendiese Schlagzeilen über das Ausmaß der Gewalt zu lesen sind. Hundertfach. Tausendfach. Jeden Tag. Diese Millisekunde, wo wir uns denken: ich kann das jetzt nicht lesen. Es war ein langer Tag. Ich bin müde. Es erinnert mich an meine eigenen Erfahrungen. Ich will das nicht. Und ich kann das jetzt nicht.
Und wir tippen trotzdem den Artikel an. Fast erleichtert, wenn er hinter einer Bezahlschranke ist. Wir lesen dann doch die Caption unter oder über dem Sharepic. Weil jetzt auch schon egal. Wir tippen auf die Caption und den verlinkten Artikel. Keine Bezahlschranke. Wir lesen. Aber nicht nur die Artikel. Auch die Kommentare darunter. Die Foren-Kommentare, die Kommentare auf Social Media. Wir melden Kommentare, schreiben dagegen an, sind bestürzt über die Wortwahl in Artikeln, die schon so oft, so oft kritisiert wurde. Zerlegt wurde. Tausend Nadelstiche in wenigen Minuten. Jeder einzelne davon hinterlässt eine Mischung aus Zorn, Verzweiflung, Betroffenheit, Trauer, Überforderung, Angst und das Bedürfnis nach Handlungsoptionen. Und nach Solidarität, die nie kommt. In den Ohren klingelt lautes Pfeifen.
Als Frau wegzuschauen ist keine Option. Es holt uns nämlich immer wieder ein. Ob wir wollen oder nicht. Und zwar nicht erst bei der nächsten Schlagzeile, der nächsten misshandelten, gebrochenen oder toten Frau. Sondern allein durch die Tatsache, so weitermachen zu müssen als wäre nichts. Wir gehen schlafen mit Bildern im Kopf. Seien es die eigenen, tief vergrabenen Erfahrungen mit Übergriffen. Oder die Bilder von Gewalt gegen andere. Bilder, die unweigerlich entstehen, auch wenn wir noch so sehr versuchen, uns in unseren Alltag und den Schlaf zurückzuretten. Am nächsten Tag stehen wir auf, gehen arbeiten, erfüllen Erwartungen, kümmern uns, erledigen Dinge, lächeln, sind kooperativ und professionell, strukturiert und selbstbeherrscht. Und lächeln weiter.
Es holt uns trotzdem ein. Nicht nur durch die nächste Schlagzeile. Sondern dadurch, dass so getan wird, als wäre nichts. Wir gehen durchs Leben in der Gewissheit, dass Männer es nicht zum Thema machen. Zumindest nicht so, dass es spürbar wäre. Die Solidarität flackert dann und wann auf. Aber eben auch nur, wenn wir nicht nachgeben. Dann, wenn wir schon endlos Energie verbraucht haben, sie einzufordern. Nachhaltig ist sie nicht. Und sie kommt auch nur dann, wenn sie Männern nicht gefährlich wird. Es bewegt sich auf der Ebene der Selbstverständlichkeiten, die nichts kosten.
Für Frauen sind die Kosten schwindelerregend hoch. Zusätzlich zur selbstverständlichen Mehrfachüberlastung müssen wir damit zurechtkommen, dass in den Räumen, in denen wir uns bewegen, das große Schweigen über all das herrscht. Das Schweigen der Männer, die von sich aus scheinbar gar nicht erst auf die Idee kommen, einfach mal zu sagen: „Ich hab‘ den Artikel über den Femizid gestern gelesen. Wie geht es dir?“ Oder von sich aus und ohne hingestoßen zu werden initiativ werden. Nicht, um Held zu sein. Sondern von sich aus und ohne Belohnung. Davon auszugehen, dass wir wissen, dass sie eh „die Guten“ sind, reicht nicht. Es wäre an der Zeit, das auch zu beweisen. Nicht nur am 8. März, sondern jeden Tag. In der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz. Sich zu kümmern bedeutet, uns Last abzunehmen. Mit uns zu trauern, wütend zu sein, sich mit uns zu wehren gegen all die Übergriffe und Gewalt, uns Platz und Raum zu geben, ohne dass wir ständig drum kämpfen müssen. Ohne Eigennutz. Auch dann, wenn es euch etwas kostet.
Es würde bedeuten, unseren Alltag mit all dem zu eurem zu machen anstatt Stehsätze rauszuhauen, die schon vor 40 Jahren nicht mehr als progressiv gegolten hätten. Ihr habt die Entscheidung. Wir nicht. Davon überfordert zu sein, mag unangenehm und ungewohnt sein. Damit zurecht kommen zu MÜSSEN, keine Wahl zu haben und in der Situation zu sein, mit Vertrauen aus Selbstschutz sparsam sein zu MÜSSEN, ist sehr viel schlimmer.
Dieses Schweigen ist sehr viel schlimmer.