Ein Gastbeitrag von Sarah Grundner
Lieber Herr Bundeskanzler, wir müssen dringend über Ihr Frauenbild reden!
Wütend ist ja inzwischen eher so ein Grundzustand, keine Ausnahme mehr. Aber dann passieren doch ab und zu Dinge, die mich sprachlos machen. „Kinderbetreuung ist keine Arbeit“, sagen Sie.
Kinderbetreuung ist keine Arbeit? Ich habe selbst drei Kinder. Inzwischen sind sie nicht mehr ganz klein, ich weiß also wovon ich spreche. Mein Mann und ich haben vor etwas über 20 Jahren darüber gesprochen, wie wir eine Familie finanziell schupfen können und es war schnell klar, dass es nur geht, wenn eine*r von uns daheim bei den Kindern bleibt. Und auch wenn wir immer ein gleichberechtigtes Paar waren, war die Entscheidung schnell getroffen: rein finanziell ging es sich einfach nicht anders aus. Ich würde daheim bleiben. Es war damals eine wirtschaftliche Entscheidung, die wir für die Familie getroffen haben. Und eine ganz, GANZ schlechte Entscheidung für meine eigene finanzielle Zukunft.
Ich habe also mein Studium unterbrochen, meine Karriere auf Eis gelegt und war Mama und Hausfrau. Und es war für mich in Ordnung, weil es immer eine rationale, wirtschaftliche Entscheidung war. Ein, wie Sie sagen würden, „Rechenbeispiel“.
Und jetzt bin ich wütend. Also, nochmal ärger. Denn auch wenn ich das gerne gemacht habe, war es trotzdem Arbeit. Wickeln, Baden, Kochen, Füttern, Aufräumen, Wäsche waschen, Tragen, Trösten, Krankenschwester spielen, Wunden versorgen, Einschlafbegleitung, Kindergarten finden, Kleidung besorgen, Kuscheltiere reparieren, Schuhe kaufen, Wutanfälle begleiten, Kochen, Putzen, Elternabende besuchen, richtige Schule finden, Elternvereinsarbeit, Nikolo, Osterhase und Christkind spielen, Adventkalender befüllen, Geburtstagsparties veranstalten, Geschenke besorgen, dafür sorgen dass Hausaufgaben gemacht werden, beim Lernen helfen…und so weiter. 96 Stunden in der Woche.
Unbezahlt.
Ich habe meine Karriere hinten angestellt. Und auf einen Teil meiner Pension verzichtet. Bewusst. Weil wir uns trotz allem FÜR eine Familie entschieden hatten. Für uns war’s immer klar: wir arbeiten beide. Mein Mann im Büro, ich zu Hause. Dass diese unbezahlte Arbeit zu Hause gesellschaftlich nicht als gleichwertig verstanden wird, ist mir damals bewusst geworden.
Aber zu hören, dass unser Bundeskanzler das so ausspricht, hat mich nochmal anders getroffen.
Ehrlicherweise war ich trotzdem kurz davor, das einfach als üblichen „depperten ÖVP-Sager“ abzutun, wenn nicht noch was anderes passiert wäre. Das ist zum einen Ihre „Nonpology“ (ich entschuldige mich bei allen, die sich verletzt fühlen).
Nein. so funktioniert das nicht. Um Entschuldigung kann man nur bitten.
Und zum anderen, wie Ihre Aussage überhaupt zustande kam. Eine Frau fragt sie, ob Ihnen bewusst ist, wie viel unbezahlte Arbeit Mütter leisten und nennt Ihnen sogar Zahlen. Und Sie? Statt darauf einzugehen, mansplainen Sie. Sie erklären einer Frau, dass das, was sie tut, nicht als Arbeit zählt. Und wissen Sie, was bei mir (und vielen anderen Frauen) ankommt? Deine Meinung ist nicht wichtig. Du bringst keine wirtschaftliche Leistung mit dem bisschen Kinderbetreuung und Pflege, es ist nicht relevant für mich als Kanzler was du sagst, denn du hast nichts zu sagen.
Daraus spricht eine unendliche Verachtung für Frauen und speziell Mütter – und diese Verachtung ist es, die mich so richtig grantig macht.
Unbezahlte Arbeit (wie etwa Pflege, Kindererziehung usw.) macht etwa 23% des BIP aus. Zwei Drittel davon werden von Frauen geleistet. Zumindest Wertschätzung hätten wir uns verdient, wenn wir schon all die finanziellen Nachteile in Kauf nehmen.
Dass die ÖVP ein reaktionäres Frauenbild vertritt, war mir klar.
Aber diese Verachtung, mit der sie einer jungen Frau antworten, die hatte ich nicht erwartet.
Also Bitte. Gehen Sie in sich. Echte Entschuldigungen beginnen mit Einsicht. Und die allerbeste Entschuldigung wäre es, wenn Sie die viele Arbeit, die in der Kindererziehung steckt, wertschätzen könnten. Emotional, klar. Aber auch finanziell:
Höhere Anrechnungen der Kindererziehungsjahre für die Pension. Wieder die 15 besten Jahre zur Berechnung hernehmen. Ich bin sicher, hier liegen schon viele gute Vorschläge von Expert*innen auf dem Tisch.
Und beantworten Sie doch bitte einfach die Frage, die Ihnen gestellt wurde. Nicht mit Worten, sondern mit Taten.