Der Biersieder | Ein Ebenseekrimi

Diese Geschichte ist ein Experiment. Ein Fortsetzungsroman, dessen Verlauf noch nicht im Ganzen existiert. Ein Krimi, der nicht in New York, London oder Wien spielt, sondern in der salzkammergütlichen Pampa. Wo das Wort „Prolet“ eine Auszeichnung und das Wirtshaus eine Institution ist. Wo feine und weniger feine Menschen leben, die ich aber allesamt ganz gerne mag. Schwarzhumorige und selbstironische Grantler, liebenswürdige und herzlich-offene Charaktere, denen grundsätzlich egal ist, wer man ist und wie man heißt. Allesamt aber sehr inspirierend. Fühlt euch eingeladen zur Anregung und Ideengebung. Zur Kritik und Reflexion. Ich wünsche viel Vergnügen.
Wer die einzelnen Kapitel sucht, für den stelle ich sie hier als PDF-Download zur Verfügung:

DER SIEDER_Kapitel I

KUMBAYA_Kapitel II

DIE KATZE_Kapitel III

BROGUES_Kapitel IV

BUFFET_Kapitel V

SCHNAPS_Kapitel VI

DAGOBERT_Kapitel VII

ERNAundGISI_Kapitel VIII

ROTER STIER_Kapitel IX



{Der Sieder}

Der Biersieder stand bis zu den Knien im See. Das für August gerade einmal halbwegs erträglich kalte Wasser plätscherte gemächlich. Tagsüber glitten Wakeboarder und Windsurfer über die Seeoberfläche. Nachts ließen die Windböen nach und wurden zu einem sanften Sommerlüftchen. Sanft war der Rausch des Biersieders allerdings nicht gerade. Angestrengt nestelte er am Reißverschluss seiner Hose herum, während er darüber nachdachte, welcher seiner Freunde eigentlich damit angefangen hatte, sich zum Pinkeln in den See zu stellen. Jedenfalls war es zu einer Art Tradition geworden. Warum zum Henker er mit seinen dreiunddreißig Jahren noch immer so dämlich war, grundsätzlich jeden Hirnriss nachmachen zu müssen, war ihm schleierhaft. Nur wenige Meter weiter stand die Anlage mit den Campingklos. Die wären halbwegs sauber gewesen. Mit Betonung auf „halbwegs“. Und nicht so nass. Obwohl die Klobrillen grundsätzlich leicht feucht glitzerten. Machte man doch den Fehler, sich gegen die klassische Abfahrtshocke oder das Stehpinkeln und für ein Hinsetzen zu entscheiden, wurde man beim Aufstehen mit einem dezent feuchten Geräusch, das sich am ehesten mit „Schlurz“ beschreiben ließe, und einem feuchten Hintern belohnt. Und wer war schon ein Fan von Oberschenkelmuskelkater, nassen Schuhen oder feuchter Unterhose?

„Sieder, wo bleibst denn? Findest deinen Pimmel nicht?“ Grölendes Gewieher tanzte via Sommerlüftchen vom Seeufer zum hosenschlitznestelnden Biersieder.

„Geht’s doch scheißen“, brummelte der Sieder. Er hatte entschieden, doch nicht so dringend pinkeln zu müssen. An die Stelle des Blasendrangs war allerdings ein drückend flaues Gefühl in der Magengegend getreten. Der Sieder rülpste gurgelnd. Diese Übertreibung in Permanenz, was seinen Bierkonsum betraf, widersprach grundsätzlich seinem Spitznamen, den er sich in der fünften Klasse Gymnasium eingehandelt hatte. Denn eigentlich hieß er ja Heinrich. Den Namen hatte sich sein Großvater eingebildet. So richtig schön germanisch. Vor einem Jahr war der Opa gestorben. Bis zuletzt war er ein „stolzer SSler und Ehrenmann“ gewesen, der besonders gern über deutsche Autobahnen, Kameradschaft und Heldenstolz sprach. Dem letzten Wunsch des Opas, Geburts- und Sterbedatum in Runenschrift in seinen Grabstein meißeln zu lassen, war Heinrichs Vater glücklicherweise nicht nachgekommen. Das wäre dann zu Allerheiligen beim alljährlichen Friedhofsschaulaufen doch zu peinlich gewesen.

Der Sieder begann sich bierduselig an die Geschichte seiner Umtaufe zu erinnern. Weil, irgendwie war er ja insgeheim froh darüber, Biersieder statt Heinrich gerufen zu werden. Er war nämlich politisch eher linke Reichshälfte. Dass die Sieder-Zehen im kalten Seewasser mittlerweile eine bedrohlich blauweiße Farbe anzunehmen begannen, merkte er nicht. Und sehen konnte er seine Füße auch nicht. War ja finster, weil Nacht.

Achtzehn Jahre war es her. Heinrich und einige seiner idiotischen Klassenkollegen, zu denen er nach der Matura glücklicherweise jeglichen Kontakt verloren hatte, feierten die erste gemeinsame Saufparty. Der Klassiker: Eltern nicht daheim. Älterer Bruder, der nach zähen Verhandlungen und intensivster Bestechung (hundert Schilling waren 1998 noch verdammt viel Geld, wenn man nur zwanzig Schilling Taschengeld die Woche bekam) den Biereinkauf übernahm. Vorfreude und Stolz, mit fünfzehn endlich einmal bis zum Erbrechen trinken zu können. Der Sieder musste grinsen, als er daran dachte, wie sie zu Fünft andächtig rund um die 24er-Bierpalette gehockt hatten. Er war der erste der sich traute, eine Dose unter dem Plastik herauszuwursteln. Beim Öffnen spritzte das lauwarme Billigbier ihm Hose und Metallica-ReLoad-T-Shirt voll. Der erste Schluck schmeckte bitter und verursachte ihm ein Kribbeln in der Nase. Er musste niesen. Zögerlich bedienten sich jetzt auch die anderen. Schließlich wollte dem Heinrich keiner in seiner Entschlossenheit nachstehen.

Einige Minuten später saßen alle Fünf mit biernassen Shirts im Kreis und prosteten einander zu wie alte Stammtischveteranen beim Frühschoppen. Sie erzählten Geschichten von „früher“. Also Kindergarten. Jemand hatte eine Packung Marlboro (die Roten) mitgebracht. Schließlich gehörte anno 1998 die Tschick zum Bier dazu.

Eine knappe Stunde später hing der Erste bis über beide Ohren in der Kloschüssel. Wohl eher wegen der Tschick als dem Bier. Im Rauchen waren Sie allesamt nicht unbedingt geübt. Zwei andere lagen auf dem Wohnzimmerboden und schnarchten, während ein weiterer namens Philipp (aka „Phil“) Heinrich die Ohren vollheulte, weil die Sitznachbarin in der Schule seine ihr vor zwei Tagen gestandene Liebe nicht erwiderte. Dem Verliebten hing eine verzweifelt-einsame Rotzglocke von der Nase.

„Die blöde Funsn, die depperte. Die ist eh so schirch, die soll froh sein, wenn sie überhaupt einer anschaut“ schluchzte die Rotzglocke. Heinrich nickte verständnisvoll und hielt sich dabei an seiner Bierdose fest. Es war immer noch die erste. Dose, nicht Funsn. Das Kribbeln in der Nase hatte zwar aufgehört. Vor dem Geschmack grauste ihm allerdings so sehr, dass er die ganze Zeit nur so getan hatte als ob. Den anderen war es gottlob nicht aufgefallen.

Bis zu diesem Augenblick. Die Rotzglocke hatte aufgehört mit Herumrotzen.

„Sag mal! Issas immer noch dein ersses Bier?“ lallte Phil. Er grinste amüsiert, während ihm die letzte verliebte Trauerträne noch am Kinn hing.

„Alter, du bisso ein Weichei! Biersieder, Biersieder, Biersieder!“ grölte Phil. Hinter der Couch tauchte ein verquollenes Gesicht auf. Einer der Schläfer war durch Phils Gegröle aus seinem Rauschnebel geholt worden und stimmte in das Geplärre ein. Selbst der Kloschüsselanbeter war wieder senkrecht, lehnte im Wohnzimmertürrahmen und schaffte vier „Biersieder“, bevor er – die Hand auf den Mund gepresst – zurück ins Badezimmer wankte.

Heinrichs Gesichtsfarbe hatte sich in etwa dem Marlboroschachtelrot angenähert. Zornestränen stiegen ihm in die Augen. Und plötzlich kribbelte auch seine Nase wieder. Was wohl weniger mit Kohlensäure als mit seiner Aufregung zu tun hatte. Wütend sprang er auf, schoss der Rotzglocke seine halbvolle Bierdose an den Kopf und stolperte in den Vorraum. Glücklicherweise trug er heute Flipflops. Da ersparte er sich das umständliche In-die-Schuhe-Quetschen. Er war so schnell bei der Haustür draußen, dass er nicht bemerkte, wie unglücklich seine Bierdose getroffen hatte.

Als er am nächsten Tag die Klasse betrat, saß die Rotzglocke mit einem großen Pflaster auf der Stirn in der letzten Bankreihe. Er war gerade dabei, der „schirchn Funsn“ wortreich seine Tapferkeit im Abfangen von Bierdosen und die Bösartigkeit eines Heinrich zu schildern. Offenbar wussten alle Bescheid. Dem kollektiven hämischen Grinsen nach zu urteilen. Heinrichs Gesichtsfarbe wechselte schlagartig wieder auf Marlbororot.

Der Biersieder-Schülerchor wurde erst durch das Eintreffen des Religionslehrers beendet. Heinrich war zwar kein großer Fan des Religionsunterrichts und hielt den Lehrer für eine Pfeife. An diesem Tag war er allerdings froh, als der Herr Professor das Klassenzimmer betrat.

Die Geschichte vom dosenwerfenden Biersieder machte schnell die Runde. Und am Ende des Schuljahres nannten selbst die meisten Lehrer Heinrich nicht mehr Heinrich. Auch der Religionslehrer nicht.


{Kumba Ya}

Katatonisch in die Vergangenheit versunken stand der Sieder da. Den Blick schielend gen Sternenhimmel gerichtet. Den Mund leicht geöffnet. Seine Zehen waren etwas weniger weiß und dafür ein bisschen mehr blau und die Unterschenkel kribbelten. Das Lagerfeuerduo am Seeufer, Daumen mal Pi so etwa zwölf Meter von Sieders nasskaltem Standort entfernt, hatte die Gitarre und den Liederberg ausgepackt. Die G’stanzl-Phase war noch nicht erreicht. Dafür war das Duo definitiv zu nüchtern, aber zum Singen doch betrunken genug.

Ein ziemlich schiefes, dafür umso lauteres „Kumba Ya“ holte den Sieder in die Gegenwart zurück.
Eigentlich sind meine jetzigen Freunde noch größere Vollidioten als die damaligen, dachte er. Und bemerkte, dass er seine Zehen nicht spürte. Pinkeln musste er nicht mehr. Und Kotzen wider Erwarten auch nicht. Er entschied, den Liederberg einer irreversiblen Durchblutungsstörung vorzuziehen. Wackelig drehte er am Stand um und setzte sich steif in Richtung Ufer in Bewegung.

„Beschissene Dreckssteine“ fluchte der Sieder leicht vor sich hin. Wenn er getrunken hatte, neigte er in erhöhtem Ausmaß zur Fäkalsprache. Nüchtern fluchte er zwar auch gerne und viel. Ab drei Bier wurde er allerdings kreativer in seiner Kompositabildung.
„Kacksee, räudiger!“ brüllte er, als sich ihm ein besonders fieses spitzes Steinchen in die Fußsohle bohrte. Der Sieder entlastete den punktierten Fuß und geriet ins Wanken. Um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, rudert er verzweifelt mit den Armen. Der Saum seiner Armyshort-Hosenbeine tunkte ins Seewasser.

„Sieder? Was führst denn auf?“ Mani, ein hipsterbrillentragender Lockenkopf, der sich seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als Sozialarbeiter verdingte und bis heute von einer Leadgitarristen-Karriere bei Franz Ferdinand träumte, hatte Liederberg und Klampfe beiseite gelegt und spähte mit zusammengekniffenen Augen in die Richtung von Sieders Gefluche.
„Sauf mir ja nicht ab, hörst du?“ rief er. „Wegen dir geh ich sicher nicht in den Häfen! Nur, weil du unfähig zum Pissen bist!“

„Alles gut! Geht schon wieder“, kam die Antwort. Sieder hatte in der Zwischenzeit sein Gleichgewicht zurück, stand wie ein Flamingo auf einem Bein balancierend im See und klaubte das fiese spitze Steinchen, das ihn ins Wanken gebracht hatte, aus der Hornhaut seiner linken Fußsohle. Zum Glück benutzte er den Hornhautraspler, den er sich in einem Anflug von Fußpflegewahn zugelegt hatte, schon lange nicht mehr. Mit Daumen und Zeigefinger schnipste er den Stein zurück ins Wasser. Weit genug weg um sicherzugehen, dass er nicht noch einmal drauftrat. Er neigte nämlich zu derartigen Murphys-Law-Aktionen.

„Beeil dich. Die Koteletts sind gleich fertig. Die Mama von Ludi hat sich solche Mühe gegeben mit der Marinade“ brüllte Mani lauter als notwendig gewesen wäre.
Ludi hieß eigentlich Ludovika. Ludis Mutter war aus unerklärlichen Gründen ein Fan der Wittelsbacher und hatte ihre einzige Tochter nach Ludovika Wilhelmine von Bayern taufen lassen. Ludi war 1,81 groß und dünner als der Gesundheit zuträglich gewesen wäre. Sie fraß wie ein Scheunendrescher. Was gerade so dabei half, ihr Gewicht zu halten. Ludi trug einen wuscheligen naturroten Kurzhaarschnitt und John-Lennon-Brillen, die ihr nur dann ständig bis zur Nasenspitze rutschten wenn sie betrunken war. Mit knapp Dreißig wohnte sie immer noch zu Hause. „Warum soll ich ausziehen? Ich hab‘ ein ganzes Stockwerk für mich allein. Blöd wär ich!“ war ihre Standardantwort, wenn die Sprache darauf kam. Ludi war zwar impulsiv, aber grundsätzlich eine Frohnatur. Richtig sauer wurde sie nur, wenn jemand sich über ihren Namen lustig machte. Dafür aber dann so richtig. Als sie zwölf war, hatte ein Mitschüler sie „Ludowixi“ genannt. Dafür hatte sie ihm einen Schneidezahn ausgeschlagen.

Ihre Brille zurechtschiebend rief sie, den Mund voller Erdäpfelsalat, „Genau! Da her kommst du!“ und wendete zum x-ten Mal die Fleischstücke, die auf einem Rost in exakt bemessenem Abstand zur Feuerglut vor sich hin brutzelten. Der Geruch nach Gegrilltem stieg dem Biersieder in die Nase. Vor einigen Jahren hatte er eine vegane Phase durchlebt, die genau zwei Monate und neun Tage gehalten hatte. Bis er an einem besonders verkaterten Samstagmorgen dem Drang nach einer Käseleberkäsesemmel nachgegeben hatte. Ähnlich, wie jetzt der sandig-steinige Untergrund unter seinen Füßen nachgab und samt Biersieder wieder tiefer in den See hineinrutschte.


{Katze}

Das Armerudern half ihm allerdings dieses Mal nicht mehr. Mit einem lauten Platschen landete Sieder im Traunsee. Das Wasser schwappte über ihm zusammen, stieg ihm in Nase und Ohren. Seine ursprünglich schwarze, nach Jahren des ständigen Tragens eher ins Graugrün zerschlissene Baseballkappe – gewissermaßen des Biersieders Markenzeichen – wurde ihm vom Kopf gerissen.

Er strampelte. Eigentlich hatte er sich immer für einen passablen Schwimmer gehalten. Zumindest seit dem Tag (er musste so um die drei Jahre alt gewesen sein) als er mit Eltern und Großeltern im Schwimmbad gewesen war. Seine Mutter war gerade dabei, die knallneonroten Schwimmflügel aufzublasen. Klein-Heinrich trug seine Lieblingsbadehose. Die Blaue mit den roten und gelben Sternen. Der Großvater hatte stirnhautfaltend und missbilligend die Mama angesehen und irgendwas von „Windhunden“ und „Kruppstahl“ gemurmelt. Heinrich hatte keine Ahnung, was sein Opa damit meinte. Er merkte allerdings, dass es irgendwas mit ihm und den Schwimmflügeln zu tun haben musste. Wohl eher unbewusst zupfte er an des Vaters Badehose und meinte, er wäre ein großer Bub und jetzt alt genug, um ohne Schwimmflügel zu schwimmen. Bis zum Abend schaffte er seine ersten zehn Schwimmtempi, während der Opa stolz danebenstand und begeistert „Der Führer hätte seine Freude mit dir gehabt, mein Sohn“ rief. Obwohl der dreijährige Heinrich keinen blassen Schimmer hatte, wer dieser „Führer“ war, strahlte er doch über das ganze Gesicht wie eine aufgeschnittene Käseleberkäsesemmel. Ob sich ein Führer freute, war ihm herzlich egal. Wichtig war, dass der Opa auf ihn stolz war. Das kam ja doch ziemlich selten vor.

Stolz wäre der Opa jetzt nicht gewesen, hätte er ihn beim Strampeln beobachtet. Wäre dem Sieder aber wurscht gewesen. Als er im Geschichteunterricht erfahren hatte, wer der Führer gewesen und worauf der Opa noch immer so stolz war, hatte er den Kontakt zu seinem Großvater abgebrochen. Für mehr als zwanzig Jahre. Der Sieder war als Kind schon ein Sturkopf gewesen in gewissen Belangen. Und äußerst konsequent bei bestimmten Dingen. Zum Leidwesen der ganzen Familie, die noch harmoniesüchtiger als andere war. Zumindest des Sieders Einschätzung nach. Das letzte Mal hatte er den Opa beim Abschiednehmen an dessen Sterbetag gesehen. Bereut hatte der Sieder die Entscheidung nie. Er würde allerdings auch nicht mehr viel Zeit für Reue haben, wenn ihn die mit Wasser vollgesogenen Armyshorts weiter nach unten zogen. Der Film „Titanic“ kam ihm in den Sinn. Ein Königreich für eine Tür, schoss ihm durch den Kopf. Oder zumindest für ein sinkendes Schiff. Oder einen Leonardo DiCaprio, an dem er sich festkrallen konnte. Man will ja nicht wählerisch sein während seiner Nahtoderfahrungen.

Boden! Sandiger und instabiler Boden, aber Boden. Jetzt wusste er immerhin wieder, wo oben und unten überhaupt war. So oder ähnlich mussten sich Lawinenopfer fühlen. Leider konnte der Sieder sich das Spucken zur Feststellung, wo oben war, in diesem konkreten Fall sparen. Weil Wasser in Wasser eher nicht zielführend. Und zum Glück für den Sieder jetzt nicht mehr notwendig. Er krallte sich mit den Zehen in den Grund und rannte wie ein Sprinter unter Wasser. Gewissermaßen Zeitlupe. Als er mit dem Kopf endlich die Wasseroberfläche durchstieß, sah er Mani und Ludi im Uferwasser stehen. Die Skinned Jeans bis zu den Knien hochgezogen.

„Jössas. Jetzt dachten wir schon, du wärst wirklich abgesoffen!“ schrie Ludi, völlig außer sich, die Brille auf der Nasenspitze.
Mani schnaufte wie kurz vor einem Herzinfarkt und bewegte sich heulend gen Sieder.
„Bleib! Nix passiert!“ rief der, mindestens genauso herzinfarktschnaufend. „Schleicht’s euch aus dem Wasser. Mir geht’s gut! Und hör auf zu flennen Mani. Um Himmels Willen.“

Ludi schnappte Mani am Handgelenk. „Komm. Dem Grantscherben geht’s gut. Solang er noch schimpfen kann, ist alles in bester Ordnung.“ Über die Schulter rief sie in Richtung Sieder: „Und du tu weiter. Die Koteletts verkokeln.“
„Du mich auch!“ brummelte der Sieder und kämpfte sich auf allen Vieren durch das Wasser. Der aufrechte Gang hatte ihm hier im Wasser bisher nur Ärger eingehandelt. Und auf allen Vieren konnte man nicht so leicht umfallen.

Plötzlich tapste er mit der linken Hand auf etwas Weiches. Also nicht etwa gatschig weich. Schon etwas glitschig. Aber glitschig mit Haaren drauf. Und innen drin härter.
Na toll, dachte der Biersieder. „Sicher irgend ein totes Viech“, murmelte er. Mehr zu sich als zu seinen beiden Freunden, die sich bereits wieder am Feuer niedergelassen hatten und jetzt mit dem Rücken zu ihm saßen.

„Hat er irgendwas gesagt?“ hörte er Ludi fragen.
„Ist mir egal. Der empathielose Sack hat mich angeschrien. Dabei wollte ich ihm nur helfen. Dem würde eine ordentliche Supervision mal nicht schaden!“ antwortete Mani.
Der Sieder ignorierte den Sozialarbeiterseitenhieb und rief: „Da is‘ irgendwas Grausliches eingegraben. Sicher ein totes Viech. Katze oder so.“
„Jetzt hör auf rumzuspinnen und komm endlich aus dem Wasser raus! Warum soll sich eine tote Katze im See eingraben?“ rief Ludi hörbar pikiert.

Doch der Biersieder hatte bereits begonnen, Steine und Sand im gerade einmal knietiefen Wasser auf die Seite zu schaffen. Immerhin würden morgen früh wieder die ersten Familien mit kleinen Kindern herkommen, um den Ferientag zu genießen. Denen wollte der Biersieder die Begegnung mit einem halb eingegrabenen und sehr toten Wasauchimmer ersparen. Er war zwar manchmal ein etwas kauziger Grantler aber noch lang kein Arsch.

In der Dunkelheit sah er nicht, was er da mit Händen freischaufelte. Nach einigem Graben spürte er jedoch einen seltsamen Knick in dem haarigen Ding. Er griff mit beiden Händen unter den beweglichen Knick und zog mit aller Kraft. Mit einem schmatzenden Geräusch, ähnlich dem Klobrillen-Schlurz, löste sich das längliche und gar nicht so leichte Etwas.
Entnervt, erschöpft, stocknüchtern aber trotzdem erleichtert und das tote und nass tropfende Irgendwas möglichst weit von sich weghaltend schlurfte der Biersieder zum Lichtkreis des Lagerfeuers.

„Wehe du bringst das Trumm hierher. Wirf es irgendwo da drüben in die Büsche. Dir graust aber auch vor gar nix. Was ist es denn überhaupt?“ fragte Ludi mäßig interessiert.

Schweigen. Der schlurfende Gang des Biersieders war plötzlich verstummt.

„Sieder?“ Mani dreht sich in die Richtung, in der er seinen Freund vermutete. Ludi, die eben den Grillrost mit den leicht angekohlten Koteletts aus dem Feuer schwenkte, verlor langsam die Geduld. Sie pfefferte den Schürhaken, den sie zu diesem Behufe verwendet hatte, auf den neben sich liegenden Stapel Grillschalen und drehte sich mit Schwung zu Mani um. Der saß völlig versteinert da. Sein Gesicht hatte die Farbe seines erbsengrünen T-Shirts angenommen. Seine Unterlippe zitterte und sein Blick, den er unverwandt auf etwas einige Meter rechts von Ludi gerichtet hatte, schimmerte fiebrig hinter den Hipsterbrillengläsern.

An Ludis Ohr drang ein leises Flüstern. „Keine Katze. Keine Katze. Keine Katze.“ Die blonden Härchen auf ihren Oberarmen drückten gegen den Stoff der Kapuzenjacke. Langsam drehte sie den Kopf um zu sehen, woher das „Keine Katze“-Flüstern kam.

Der flüsternde Sieder stand mit seinen knappen Einsneunzig wie ein versteinerter Riese etwa drei Armlängen vor ihnen. Das Gesicht grau. Aschgrau.

Die Tropfen, die von seiner klatschnassen Armyhose auf den Boden platschten, vermischten sich dort mit den Wassertröpfchen, die von dem Gegenstand in seinen Händen liefen. Und nein, es war definitiv keine Katze.


{Brogues}

Das eine Ende des leicht graugrünlich (man könnte auch sagen kotzerbsengrün) schimmernden, haarigen Dings schien etwas ausgefranst. Hautfetzen hingen an grauen Wundrändern und der Splitter eines Oberschenkelknochens ragte mittig aus der Wunde. Das Weiß schimmerte unnatürlich blankpoliert im Schein des Feuers. Das andere Ende steckte in einem schwarzen Lackschuh. In dem eleganten Lochmuster des Schuhs hatten sich Sand und kleine Steinchen verfangen.

„Brogues“, dachte der Biersieder. Irgendwo hatte er einmal gelesen, dass Herrenschuhe mit Lochmuster Brogues hießen.

Hysterisches Kreischen drang durch den wabernden Nebel aus Panik und Ungläubigkeit, der sich um die Gedanken des Sieders gelegt hatte, von weiter Ferne bis zu ihm. Die Schreie hörten sich an, als würden sie vom lauen Sommerlüftchen bis knapp an sein Ohr und dann wieder weggeweht. So, als wechselten die Töne ständig die Richtung. Er konnte nicht feststellen, welcher seiner beiden Freunde schrie.

In Sieders Gehörgang knackte es. Saure, schwere Galle stieg seine Speiseröhre hoch. Das Bein im Lack-Brogue glitt aus seinen Händen und landete mit einem dumpfen Geräusch auf der ausgetretenen Wiese. Ein Zittern erfasst seinen Körper. Wie von einem Anfall gebeutelt torkelte der Biersieder einige Schritte zur Seite. Weg von dem Brogue-Bein. Weg vom Licht. Er würgte. Während er sich auf allen Vieren im Gras kniend die Seele aus dem Leib kotzte drangen Wortfetzen an sein Ohr. Er glaubte Ludis Stimme zu erkennen. Aus den Augenwinkeln sah er sie, das Handy am Ohr und mit der freien Hand wild gestikulierend in sicherem Abstand zu dem am Boden liegenden Körperteil hin- und herlaufen. Ihre schlanken Beine schlackerten noch ärger als sonst. Beinahe wie eine Marionette, deren Puppenspieler ein blutiger Anfänger ohne sonderliches Talent war. Oder ein sehr betrunkener Puppenspieler.

„Nein, Sie hören mir jetzt zu!“

„Ich muss mich nicht beruhigen! Ich steh hier neben einem Leichenteil, verdammt nochmal! Also bewegt eure Ärsche her. Wozu ist denn sonst die Polizei gut, bitte?!“

„Der glaubt wirklich, das wär‘ ein Scherz. Red‘ du mit dem Pfosten. Sonst dreh ich durch!“ Ludi stapfte mit entschlossenem Marionettenbeingang zu Sieder hinüber und hielt ihm ihr Handy ans Ohr. Die Kotzerei hatte glücklicherweise aufgehört. Damit es dabei blieb, vermied er den Blick zu der Stelle, an der das Bein noch immer lag. Natürlich. Weglaufen würde es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht.

„Hallo?“

„Wer spricht da?“ Die Polizistenstimme wirkte müde und entnervt. „Sagen Sie Ihrer angesoffenen Freundin, sie soll derartige Scherze bleiben lassen. Sonst setzt es eine saftige Strafe, hören Sie?“

„Hallo Richie. Biersieder hier.“

Am anderen Ende der Leitung ertönte ein erleichtertes Schnauben. Der Sieder hatte die Stimme des Polizisten sofort erkannt. Er hieß Richard und war ein ehemaliger Schulkollege seines Vaters. Daher wusste Sieder auch, dass Richie in jüngeren Jahren gerne bei der Kriminalpolizei gearbeitet hätte. Bei dem Traum war es geblieben. Irgendwann hatte sich der Dorfpolizist damit abgefunden und war nun äußerst bemüht, eine vorwiegend ruhige Kugel zu schieben. Korrekt war er aber. Da konnte man nichts sagen.

„Du hörst dich ordentlich fertig an, Sieder. Ihr sollts nicht immer so viel saufen. Irgendwann ertrinkt noch einer vor lauter Rausch im See und ich muss die Leich dann rausziehen. Wie soll ich das deinem Vater erklären, wenn die Leich du bist?“

Der Biersieder hatte keine Lust, Richie das Ausmaß der Tragödie am Telefon zu erklären. Er würde es sowieso nicht glauben.

„Rischie, ich bin sssoo betrungn. Bringmichheimbitte!“ murmelte Sieder übertrieben lallend ins Handy.

„Na dann sag das doch gleich, anstatt irgendeinen Schwachsinn von Leichenteilen zu erfinden“, meinte Richie gönnerhaft. „Also gut. Bevor jemand von euch Suffköpfen selber fährt“, seufzte er in die Leitung. „Bleib ja wo du bist und beweg dich nicht vom Fleck. Ich bin am Posten in Bad Ischl. In zwanzig Minuten bin ich da.“ Richie legte auf.

„Von uns bewegt sich keiner irgendwohin“, flüsterte Sieder in die tote Leitung.

„Wo ist eigentlich der Mani hinverschwunden?“ fragte er die immer noch wie ein kranker Käfigtiger hin- und herschlenkernde Ludi. Ohne auch nur ansatzweise langsamer zu werden deutete sie in Richtung Seeufer. Mani kauerte am Ufer, die Füße im Wasser. „Er sagt, das kalte Wasser hilft seinem Kreislauf“ meinte sie.

„Hat er vorher so geschrien?“ fragte Sieder weiter. Ludi nickte nur. Er nahm seine beste Freundin an der Hand, um sie vom Tigern abzuhalten. Gemeinsam gingen sie zum Ufer ohne einen Blick auf das Brogue-Bein zu werfen. Sie setzten sich zu Mani, der schweigend die Füße ins Wasser hielt.

„Kreislauf. Wichtig“, meinte der Biersieder und strecke die Füße aus. „Findest du nicht auch, Ludi?“

„Stimmt“, gab sie zur Antwort und spielte mit den Zehen im Wasser. Eine kleine Welle spülte Sieders graugrünschwarze Baseballkappe mit einem leisen „Uuuuuuuusch“ Ludi direkt vor die Füße. Wie in einem schlechten Film. Immer diese komischen Zufälle, dachte der Sieder.

Sie nahm die Kappe, betrachtete sie als sähe sie das Käppi zum ersten Mal und drosch es seinem Besitzer schließlich nach eingehender Untersuchung mit Verve aufs Haupt.
„Jetzt bist wieder ganz“, meinte sie.
Im Gegensatz zu der armen Sau mit den Brogues, dachte der Biersieder.

Jetzt konnten sie nur noch warten.


{Buffet}

In seinen Zeitangaben war Richie sehr exakt. Das musste man ihm lassen. Zwanzig Minuten später hörten die Drei Schotter unter Autoreifen knirschen. Gemächlich schaukelte der Skoda-Kombi mit den roten und blauen Streifen und dem weißen POLIZEI-Schriftzug auf den Parkplatz. Das Blaulicht war ausgeschaltet. Naheliegend. Warum sollte Richie für den Alkotransport auch einen auf „Tatütataa“ machen? Nur verständlich.

Ebenfalls gemächlich faltete sich der Polizist, der nur wenige Zentimeter kleiner war als der Sieder, aus dem Polizeikombi. Seine Kappe ließ er im Auto. Er sah in der blauen Uniform ausreichend respekteinflößend aus. Allerdings nur für die, die ihn nicht näher kannten. Richie war mehr verständnisvoller Sozialarbeiter als Polizist. Vermutlich ein Mitgrund, warum ihn bei der KriPo keiner haben wollte.

In der Zwischenzeit hatten sich Ludi, Mani und der Sieder unter Wahrung eines beträchtlichen Respektabstands zum Bein auf die Baumstämme niedergelassen, die als Begrenzung zwischen Badeplatz und Parkplatz dienten. Das Lagerfeuer gloste traurig vor sich hin und passte irgendwie zur Stimmung der drei Freunde.

„Schaut’s nicht so zernepft. Ein ordentlicher Dampf ist kein Weltuntergang. Ist jedem schon einmal passiert, dass er allein nicht mehr nach Hause gefunden hat“, rief ihnen Richie zur Begrüßung zu. Einige Schritte später erreichte er die Drei und gab ihnen die Hand. Sein Händedruck war trocken und fest. Ganz im Gegensatz zu dem der Zernepften.

„Soll ich euch alle heimbringen? Dann packt eure Sachen zusammen. Und randaliert nicht. Eigentlich dürfte ich ja gar nicht allein unterwegs sein. Aber wir sind heute unterbesetzt und in Agatha ist Bierzelt“ grinste Richie in seinen üppigen grauen Schnauzbart.

Der Sieder, der zwischen seinen Freunden auf dem Baumstamm hockte, sah zuerst Mani und dann Ludi an. Die beiden nickten ihm aufmunternd zu.

„Richie, ich muss dir was zeigen. Aber bitte nicht schrecken.“ Der Biersieder erhob sich vom Baumstamm und startete in Richtung Brogue-Bein. Richie zog skeptisch eine grauweiße Augenbraue in die Höhe, folgte ihm aber nach einigem Zögern.

„Ludi hat dich nicht angelogen. Wir haben da wirklich was gefunden. Und ich hab nur so getan, als ob ich betrunken wäre. Sonst wärst ja nicht gekommen“, sprudelte der Sieder. „Hast du eine Taschenlampe mit, Richie?“
Hinter ihm knipste der Polizist seine Maglite an, ohne weitere Fragen zu stellen. Schweigend legten die beiden die letzten Meter zurück. Schließlich blieb der Sieder stehen und deutete auf die Stelle. Er traute sich nicht weiterzugehen aus Angst, ihm könnte wieder schlecht werden. „Da leucht hin. Da drüben liegt das, von dem Ludi gesprochen hat.“ Richie richtete den Kegel der Taschenlampe auf die bedeutete Stelle.

Im Schein des kühlen Lichts schimmerte die Haut eher weiß als grün. Ein nicht unbeträchtlicher Schwarm von Fliegen hatte innerhalb kürzester Zeit das potenzielle Buffet entdeckt und schwirrte mit hörbarem, gierigem Brummen um das Bein herum. Wie schnell man sich an so einen Anblick gewöhnt, dachte der Sieder. Verwundert darüber, dass sich sein Brechreiz nun in Grenzen hielt. Im Gegensatz zu dem von Richie, der sich röhrend vom Anblick des brummenden Beins wegdrehte und in hohem Bogen sein Abendessen ins feuchte Gras spuckte. Dabei war ihm die Taschenlampe aus der Hand gefallen. Sie rollte ein Stück durch die Wiese, bis sie sanft an das Bein stupste, sich drehte und so liegenblieb, dass der Lichtkegel den Brogue anstrahlte. Das Lackleder glitzerte.


{Schnaps}

Richie stand vornübergebeugt, die Hände auf die Knie gestützt. Sein Atem ging laut und rasselnd. Speichelfäden hingen ihm vom Bart. Die Anstrengung hatte ihm die Tränen in die Augen getrieben. Ein kleiner Tränentropfen zitterte auf seiner Nasenspitze. Zum ersten Mal in seinem Leben war er so richtig froh darüber, doch nicht bei der Kriminalpolizei gelandet zu sein.

Richies heftige Reaktion hatte den Biersieder überrascht. Hatte der Polizist doch schon öfter die Geschichte vom Selbstmörder erzählt, der auf Nummer sicher gehen wollte und sich direkt vor eine Taurus-Lok auf die Schienen geworfen hatte. „Kein Fuzerl war größer als so“, hatte Richie damals am Wirtshaustisch nach dem fünften Bier erzählt und dabei die Fuzerlgröße zwischen Daumen und Zeigefinger angedeutet. „Der hätte als Ganzes in ein BILLA-Sackerl gepasst. Meine Kollegen haben alle gekotzt. Weil’s so gestunken hat rundherum. Solche Mimoserl“, hatte Richie getönt. Die Geschichte war dem Sieder justament wieder eingefallen, als er jetzt den vornübergebeugten und immer noch würgenden Freund beobachtete.

„Geht’s wieder?“, fragte der Sieder den Polizisten und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er wäre nie auf die Idee gekommen, Richie für eine Mimose zu halten. Wer schmückte nicht gerne ab und zu Erlebtes etwas spektakulärer aus? Außerdem hatte er ja selber gekotzt.

„Geht schon. So viel zum Thema Tatortkontamination. Die SpuSi wird ihre helle Freude haben“, murmelte Richie leicht verzweifelt und wischte sich mit seinem dunkelblauen Uniformärmel die Speichelfäden vom Mund und die Träne von der Nase.

„Da. Trink! Renkt den Magen wieder ein.“ Eine Hand, die ein Schnapsglas mit aufgedrucktem Mohnblumenmuster hielt, tauchte zwischen Sieder und dem Polizisten auf. „Das ist der Enzianschnaps meiner Mutter. Der hilft gegen alles. Geeignet für Innen- und Außenanwendung. Putzt besser durch als Rorax!“ sagte Ludi, die sich mittlerweile als außergewöhnlich nervenstark entpuppt hatte. Sie klopfte Richie aufmunternd auf den Rücken und hielt ihm den Schnaps unter die Nase. Dankbar nahm er ihr das Stamperl aus der Hand und kippte den Inhalt in einem Zug. Ludi füllte ohne Kommentar nach. Nach dem dritten Glas hatte sich die Gesichtsfarbe des Polizisten von Grün zu Blassrosa verbessert. Er zückte das Smartphone und ging – leicht wankend – zu seinem Dienstwagen zurück. Die Taschenlampe ließ er mit den Worten „Ich hab’ eh noch eine im Auto“ beim Brogue-Bein liegen.


{DAGOBERT}

Der Sieder realisierte zum ersten Mal seit er kotzend im Gras gekniet war, dass ab heute alles anders sein würde. Das Ausmaß war ihm allerdings nicht so ganz bewusst. Hätte er zu diesem Zeitpunkt geahnt, was noch auf ihn zukommen würde, hätte er stante pede das Weite gesucht. Wäre nach Neuseeland abgehauen. Oder nach Alaska. Oder Transnistrien. Und zwar ohne auch nur einen Gedanken ans Kofferpacken zu verschwenden.

So stand er jedoch nur in gehörigem Respektsabstand zum mittlerweile erloschenen Lagerfeuer und beobachtete das geschäftige und gleichzeitig ruhige Amtshandeln der immer größer werdenden Gruppe von Exekutiv- und Kriminalbeamten.
Am Horizont schimmerte der erste Streifen der Tagesdämmerung. Absperrband flatterte im aufkommenden Wind, der vom See landeinwärts pfiff. Die ersten Schaulustigen standen entlang der Absperrung. Der Sieder hörte den alten Pfeiffer, dessen Grundstück an das des Badeplatzes grenzte, aufgeregt und gschaftig „Das war sicher der Mossad!“ mutmaßen, während die alte Pfeiffer (ihren verfolgungswahngetriebenen Mann gekonnt ignorierend) sich – gekleidet in rosablümeligen Flanell und Lockenwickler – neugierig in Richtung Seeufer schielend den Hals verrenkte. Ohne Erfolg. Das hielt sie jedoch nicht ab, weiterzuglotzen.

Alte Schastrommel, dachte der Sieder.

Mani und Ludi hockten bei geöffneten Autotüren auf den Rücksitzen zweier Polizeiwagen und wurden befragt. Beide sahen so müde aus, wie der Sieder sich fühlte. Er hatte das Ganze schon hinter sich. Ein leicht zerknautscht und müde wirkender Mittvierziger, der frappierende Ähnlichkeit mit Fernsehtatortkommissar Moritz Eisner zeigte, hatte ihm unendlich viele Fragen gestellt. Und dem Sieder war klar geworden, dass er ein lausiger Fragenbeantworter war. Er hatte sich auf seinen erheblichen Alkoholkonsum an diesem Abend berufen und die meiste Zeit nur entschuldigend seine breiten Schultern gezuckt. Das Versprechen hatte er aber abgegeben, sich zur Verfügung zu halten und der Moritz-Eisner-Kommissar war – noch immer zerknautscht und zusätzlich in Anbetracht seines miesen Fragenbeantworters leicht grummelig – mit dem Handy am Ohr in Richtung Seeufer davongestiefelt.

Der Biersieder kam sich etwas verloren vor. Obwohl er nichts mehr wollte als endlich nach Hause zu gehen, machte er sich Sorgen um seine Freunde. Mani schien es in Anbetracht der nächtlichen Erlebnisse die Sprache verschlagen zu haben, während Ludi sich vor lauter Nervosität ein Stamperl Ludimamaenzianschnaps nach dem anderen in die Figur geschüttet hatte und jetzt mindestens so grün im Gesicht war wie der Wasserleichenhaxen, der mittlerweile abtransportiert worden war.

Wäre ich doch nur zum Pissen ins Gebüsch gegangen, dachte der Biersieder und kratzte sich den Bart. Unschlüssig trat er von einem Bein auf das andere.
„Jetzt bist immer noch da?“, hörte er Richies Stimme aus der Richtung eines Einsatzfahrzeugs des Tauchdienstes. Der Sieder drehte sich um und sah den mürrisch dreinblickenden Polizisten auf sich zukommen.
„Ich wollte noch auf Ludi und Mani warten. Wir sind gemeinsam mit meinem Auto hier. Ich möchte nicht, dass sie zu Fuß nach Hause hatschen müssen. Wär ja doch eine ziemliche Zumutung nach dem ganzen Scheiß hier“, entgegnete der Sieder. „Und wieso schaust du so grantig drein, Herr Inspektor?“

Richies Miene verdüsterte sich noch um einige finsterliche Nuancen. „Da wirst lange warten können. Siehst ja eh, dass deine Reisschüssel innerhalb der Absperrung steht. So schnell kommst da nicht dazu. Außerdem bist du sicher noch nicht nüchtern genug, um zu fahren.“ Die Anspielung auf seinen – wie er fand äußerst praktischen wenn auch nicht besonders schicken – japanischen Kleinwagen ignorierend antwortete der Sieder mit einem müden „Ich hab mir wenigstens nicht drei Schnaps hintereinander runtergeschüttet, du Bruce Willis für Arme“ und wich gekonnt Richies ellbogenrempelnder Antwort auf diese Frechheit aus.

„Ich bring euch drei Helden nach Hause, sobald Mani und Ludi fertig sind. Kann ja nicht mehr lange dauern“, sagte der Polizist leise und mit Blick auf die beiden Polizeiwagen, in denen Sieders Freunde noch immer auf den Rückbänken saßen. Der Biersieder selbst zog eine Packung Marlboro aus der Hosentasche (er war so geistesgegenwärtig gewesen, seine Tschick vom Grillplatz zu retten bevor die Forensik-Armada dort eingefallen war) und zündete sich eine an. Mit der Zigarette zwischen den Fingern seiner rechten Hand deutete er in Richtung Tauchdienstfahrzeug. „Und? Schon was vom Rest gefunden, Bruce?“ Richie nahm dem Biersieder die Packung Marlboro und das Feuerzeug aus der Hand und steckte sich eine an, bevor er antwortete. „Hör auf, mich so zu nennen. Ich schau dem Bruce Willis ja nicht mal ähnlich.“

Beim Anblick des Polizisten, dem der Marlbororauch aus den Nasenlöchern zischte, musste der Sieder unfreiwillig an den Drachen vom Fernsehkasperl denken. Oder war es nicht doch ein Krokodil gewesen? Jedenfalls war der Tintifax der böse Zauberer. Auch grün, aber trotzdem falsch.

Wie hieß dieses Vieh noch gleich, grübelte der Sieder. Irgendwas mit D…, Da…

„Eigentlich darf ich mit dir gar nicht drüber sprechen. Der Moritz-Eisner-Verschnitt da drüben reißt mir den Schädel aus und scheißt mir in den Hals, wenn der erfährt, dass ich da herumtratsch, lieber Heinrich!“ Der noch immer Rauch aus den Nüstern blasende und offensichtlich äußerst grantige Richie holte den Biersieder wieder in die Gegenwart zurück.

Selbiger schob sich grinsend seine fast trockene Kappe in den Nacken. „Kann nicht schlimmer sein als auf Leichenteile zu speiben“, konterte er. „Wo waren wir grade?“

„Ich hab‘ nicht drauf, sondern danebenge…Geh hab‘ mich gern.“ Richie wachelte mit der Marlborohand vor des Sieders Gesicht herum. „Ich weiß ja auch nicht mehr als du. Mir Provinzkieberer sagt keiner was. Und selbst wenn, würd ich’s dir nicht auf die Nase binden. Ich mag meinen Job nämlich. Und jetzt gib Ruh.“ Richie schien ob der Tatsache, keine nennenswerte Rolle bei den Ermittlungen spielen zu dürfen, ziemlich sauer zu sein. Verständlich, dachte der Sieder. Nachdenklich war er vom Bart- zum Schädelkratzen übergegangen und beobachtete von Fernem den Kommissar, den der Biersieder insgeheim schon als „Moritz Eisner“ in seinem Hirn abgespeichert hatte und der jetzt mit einem der Taucher sprach.

Aus dem Augenwinkel bemerkte der Sieder, dass seine Freunde auf ihn und Richie zukamen. Sie hatten Decken um die Schultern gelegt. Unter Manis Hipsterbrillen zeichneten sich dunkle Augenringe ab und die Locken standen ihm wirr und wie Antennen vom Haupt ab. Ludi war immer noch etwas bleich um die Nase.

Richie dämpfte die Zigarette auf seiner Schuhsohle aus und steckte den Stummel in die Brusttasche seines Uniformhemdes. „Schmeiß die Tschick nicht auf den Boden, Sieder. Steck sie ein.“ Der Sieder tat wie ihm geheißen.

„Kommt mit. Ich bring euch nach Hause.“ Der Polizist sah nun fast genauso müde aus wie Mani.
„Aber unsere Sachen“, protestierte Ludi halbherzig.
„Die könnt ihr vorläufig vergessen“, antwortete Richie, legte Ludi und Mani die Hände auf den Rücken und drückte sie sanft in Richtung Dienstwagen.

Dagobert.

Im selben Moment, in dem ihm der Name des Kasperldrachenkrokodils wieder eingefallen war, wurde ihm bewusst, dass er den Schuh, in dem das Leichenbein gesteckt war, schon einmal irgendwo gesehen hatte.
„Komm jetzt! Sonst kannst wirklich zu Fuß heimgehen“, hörte der Sieder den Dorfpolizisten rufen.
Die Hände in den Hosentaschen vergraben schlurfte der Sieder seinen Freunden hinterher. Zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand drehte er den ausgedämpften Zigarettenstummel in der Hosentasche hin und her.

Dagobertschuhe, dachte er.


{Erna & Gisi}

Der Sieder fiel. Er fiel wie ein gefällter Baum in sein frisch überzogenes, nach Weichspüler duftendes Bett. Seine noch immer penetrant nach See und ausgedämpfter Hosentaschenzigarette müffelnde Kleidung lag auf der Strecke Zimmertür-Bett auf dem Boden. Der Biersieder hatte T-Shirt und Hose in müdem Schlurfgang abgestreift und einfach fallenlassen. An Dagobertschuhe dachte er jetzt definitiv nicht mehr. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so müde gewesen zu sein. Innerhalb nicht einmal einer Minute schnarchte er selig sein leicht rasselndes Biersiederschnarchen, sein Käppi immer noch auf dem Kopf. Wie Ludi wohnte auch der Sieder immer noch zu Hause. Was allerdings interessanterweise ihm im Gegensatz zu Ludi nie zum Vorwurf gemacht wurde. Lag vermutlich daran, dass er nicht nur zu Hause wohnte, sondern auch arbeitete. Im Erdgeschoss des schmucken dreistöckigen Häuschens im Ortszentrum lag die Trafik. Ein Familienbetrieb in zweiter Generation, wie der Sieder-Papa gern und stolz betonte. Und es war nicht zuletzt der Bequemlichkeit des Sieders geschuldet, dass er sich nie etwas anderes gesuchte hatte sondern auf das Angebot seiner Eltern eingegangen war, in der Trafik mitzuarbeiten. Da hatte er nicht weit in die Arbeit, stets Zugang zu Zigaretten und der Verdienst war auch nicht schlecht. Nebenbei sparte er Miete.

Erna, des Sieders vollzeitbesorgte Mutter, war ihrem Sohn mit sorgengefalteter Stirn auf Schritt und Tritt durch das Haus nachgetigert. Und zwar seit Richie ihn an der Haustür abgeliefert und Erni im Telegrammstil geschildert hatte was denn nun eigentlich passiert war. Dann hatte sich der Dorfpolizist auf den Rückweg zum Fundort gemacht um zu verhindern, dass einer von den bald eintreffenden ersten Badegästen hinter die Absperrung latschte.

Die Sieder-Mama kannte ihren Sohn gut genug um zu wissen, dass es jetzt definitiv nicht klug war, ihn einem mütterlichen Verhör zu unterziehen. Stattdessen hatte sie wortlos aber weiterhin sorgenstirngefaltet des Sieders Bett frisch überzogen und sammelte jetzt die schmutzige und verwurstelte Kleidung vom Boden auf, bevor sie ans Bett trat, dem Sieder vorsichtig das Kapperl vom Kopf klaubte und ihm liebevoll über den verstrubbelten und ebenfalls leicht nach See riechenden Haarschopf strich. In der Zwischenzeit war der Sieder-Papa in der Zimmertür erschienen.

„Was hat er denn jetzt schon wieder angestellt, der Bub?“ polterte Vater Giselher. Der germanische Namensfimmel des vom Sieder verabscheuten Nazi-Opas und Giselher-Vaters hatte den Biersieder aka Heinrich quasi nur gestreift, den Biersieder senior allerdings mit voller Wucht getroffen. Im Ort nannte ihn jeder nur „Gisi“. An sich ja ein weiblicher Spitzname. Aber nach Meinung des Biersieder-Papas immer noch besser als Giselher.

„Pscht! Spinnst du? Schrei nicht so, du Aff. Lass ihn schlafen. Er hat nix angestellt“, zischte Erna. Ob der heftigen Reaktion seiner Frau murmelte der Angezischte ein beleidigtes „Man wird ja wohl noch fragen dürfen. Bei dem Buben weiß man ja nie“, drehte sich bockig um und schlurfte zu seinem Frühstückskaffee zurück, der in der Küche auf ihn wartete und sicher nur noch lauwarm war. Das Schlurfen hatte er seinem Sohn ganz offensichtlich vererbt.

Nachdem Erna T-Shirt und Armyshort naserümpfend in die Waschmaschine verfrachtet hatte, ging sie ebenfalls in die geräumige Wohnküche, wo ihr Mann angestrengt über dem kleinen, blitzblauen Küchenradio hing.
„…führte in der Nacht von gestern auf heute zu einem Großeinsatz der Polizei. Unbestätigten Angaben zufolge wurden in Ebensee an einem bei Touristen und Sportbegeisterten äußerst beliebten Badeplatz im Ortsteil Rindbach am Traunsee Leichenteile gefunden.“ Die leicht nasale Stimme des Nachrichtensprechers säuselte aus dem krachenden Äther. Der Empfang des in die Jahre gekommenen Radios war nicht unbedingt der Beste. Aber Ernas Meinung nach so ausreichend, dass ein neues Radio definitiv nicht angeschafft werden musste.
„Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Über das Opfer sowie genauere Umstände des Leichenfunds ist uns derzeit nichts bekannt. Von Seiten der Polizei gab es bis zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Stellungnahme. Das war die Meldungsübersicht. Und jetzt das Wetter.“

Gisi drehte das Gerät ab und sich zu seiner Frau um, die schweigend und gegen den Kühlschrank gelehnt der Säuselradiostimme gelauscht hatte. Er hob seine buschigen und sehr angegrauten Augenbrauen, bis sie fast den Ansatz seines ebenfalls schon sehr grauen Haupthaars berührten. „Magst mir bitte erklären, was hier los ist, liebste Gattin? Wieso bringt ausgerechnet dann der Richie im Polizeiauto unseren Bub heim, wenn sie gleichzeitig irgendwelche Toten aus dem See ziehen?“ Er begann mit der rechten Hand an seiner rechten Augenbraue herumzuzwirbeln. Bei ihm stets ein Zeichen höchster Aufregung. Oder höchsten Ärgers. Als der Sieder im Alter zwischen 14 und 18 nur Blödsinn und Hormone im Hirn hatte und es regelmäßig schaffte sich Ärger einzuhandeln, war Gisi in dieser Zeit fast augenbrauenlos herumgelaufen. Zum Glück war die Braue wieder nachgewachsen. Sonst hätte er jetzt nicht dran herumzerren können.

Erna hatte schon vor vierzig Jahren gelernt, den Augenbrauentick ihres Mannes zu ignorieren und verschränkte jetzt die Arme vor dem nicht unmächtigen Busen. „Pudel dich nicht so auf. Kennst ja eh unser Kind. Er ist quasi über die Leich’ gestolpert. Zusammen mit der Ludi und dem Mani. Die armen Kinder.“ Erna seufzte busenhebend.

Ihr Mann schüttelte den Kopf, die Hand immer noch an der Augenbraue. Allerdings nicht mehr zwirbelnd, sondern eher streichelnd. „Und was passiert jetzt mit unserem Biersieder?“ fragte er. Selbst Erna und Gisi nannten ihren Sohn bei diesem Spitznamen.

Erna zuckte mit den Schultern. „Nix. Der Richie hat gemeint, er soll sich zur Verfügung halten. Wegen Einvernahme und so. Und er hat gesagt, dass sie unserem Bub nix vorwerfen. Und falls er psychologische Betreuung braucht, soll er sich unter der Nummer melden.“ Sie legte ein kleines Kärtchen mit der Nummer der Rotkreuz-Krisenintervention vor ihrem Mann auf das geblümte Tischtuch. Das Kärtchen ignorierend und den Blick auf irgendeinen Punkt neben dem Kühlschrank gerichtet murmelte Gisi: „Na hoffentlich ist es damit erledigt. Grauslich sowas.„Na hoffentlich ist es damit erledigt. Grauslich sowas. Der Herrgott möge verhüten, dass es keiner von hier war.“

Erna kratzte sich sehr biersiederlike das Kinn. „Meinst jetzt die Leich’ oder den Mörder?“

„Beides. Gibt nur einen Haufen Ärger.“ Gisi erhob sich von der Eckbank. „Komm. Gehen wir das Geschäft aufsperren. Ist schon nach sechs Uhr. Wir sind spät dran. Die Nikotinarmada wartet sicher schon vor der Tür.“

Erna folgte ihrem Mann. Bevor sie jedoch die Treppe betrat, die ins Erdgeschoss und direkt in den Verkaufsraum führte, warf sie einen Blick in das Zimmer ihres Sohnes. Der Sieder lag schnarchend in seinem Bett. Ein Bein lugte unter der Decke hervor. Leise tapste seine Mutter durch das Zimmer und zog die Vorhänge zu, bevor sie ihre Wohnungsschlapfen gegen die Arbeitstöffler – die mit der Korksohle – tauschte und einen Stock tiefer ging, wo eine Gruppe Bauarbeiter schon ungeduldig auf die Bedienung wartete. Ihr ungutes Bauchgefühl ignorierte sie. Sie schob es auf die Sorge um den Biersieder. Muttergefühle, dachte sie.


{Roter Stier}

Die Wirtin war eine imposante Erscheinung. Obwohl sie schon jenseits der Fünfzig war, hatte Franziska – so hieß die Wirtsfrau nämlich – nur wenige Falten im Gesicht. Und die sammelten sich einträchtig rund um ihre blitzenden graugrünen Augen wie ein Strahlenkranz. In ihrem dichten blonden Haar, das sie stets zu einem festen Zopf geflochten hatte, fand sich kein einziger grauer Faden. Sie lachte viel und gerne. Laut und kehlig. Und sehr einnehmend. Verehrer hatte sie immer gehabt. Bis heute. Trotzdem war sie ihrem Mann stets treu gewesen. Sie hätte durchaus gekonnt wenn sie gewollt hätte. Da sie sich aber dessen bewusst war, dass in diesem Ort nichts lange geheim blieb, hatte sie sich nie mit anderen Männern eingelassen. Wäre nur schlecht fürs Geschäft gewesen. Und bei Männern war man grundsätzlich aushatschtechnisch um einiges toleranter als bei Frauen.

Franziska war das, was man in der Gegend eine „fesche und tüchtige Frau“ nannte. Die Gaststätte, die sie seit fast dreißig Jahren höchst erfolgreich und entgegen dem Phänomen des allgemeinen regionalen Wirtshaussterbens führte, hatte ihr Mann von dessen Onkel geerbt, der früh und kinderlos gestorben war. Um die Geschäfte hatte sich allerdings stets sie gekümmert, während ihr Mann die meiste Zeit schwer im Öl am Stammtisch hockte und sich wichtig machte. „Kundenakquise“ nannte er das immer.

Auch mit der Treue hatte der Wirt es nicht so besonders. Franziska hatte zwar anfänglich ihre Probleme damit gehabt, jedoch irgendwann eingesehen, dass es den Ärger nicht wert war und sich lieber um den Gasthof gekümmert, der vor allem für die Hausmannskost und das hervorragende Bier bekannt war. Bier aus einer kleinen Brauerei im Innviertel. Franziska hatte selbige damals entdeckt und ihren Mann davon überzeugt, den Familienbetrieb zum Hauptlieferanten zu machen. Darauf war sie bis heute mehr als stolz. Die Sauferei ihres Mannes hatte schließlich auch seine Vorteile. Gerade wenn es darum ging, ihm etwas einzureden.

An diesem Morgen war sie früh in der Gaststube. Eine Hochzeit stand an. Gerade als sie mit dem Polieren der Weingläser am Fertigwerden war, trat der Koch in den großzügig angelegten Gastraum.

„Hast schon gehört?“ frage er und knöpfte sich die weiße Kochjacke zu.
Franziska hielt eines der Gläser ins Licht und murmelte abwesend und mäßig interessiert: „Nein. Hat der Alte wieder eine neue Freundin?“
„Nicht dass ich wüsste. Nein. Ich meine was Anderes. Im Traunsee haben’s eine Leich’ gefunden“, antwortete der jackenknöpfende Koch.
„Und warum soll mich das interessieren?“ fragte Franziska zurück.
Der Koch knöpfte weiter und schwieg eine Weile. Franziska setzte das Glas ab und sah ihn fragend an, während er den obersten Knopf nervös ins oberste Knopfloch fummelte. „Willst du mir irgendwas mitteilen?“
Der Mann verlagerte unsicher das Gewicht auf das linke Bein und stützte sich auf die Vollholztheke, auf dem die Weingläser wie die Zinnsoldaten aufgereiht waren. „Ich möcht’ dir wirklich keinen Floh ins Ohr setzen. Aber das letzte Mal, dass ich den Chef gesehen habe, war vorgestern Abend. Kurz bevor ich gegangen bin. So um elf Uhr herum. Da ist er weg und meinte, er hätte noch einen Termin. Seitdem hab’ ich ihn nicht mehr gesehen.“

„Und? Ist ja nichts Neues. Der wird zu irgendeinem seiner Gspusis gefahren sein“, antwortete Franziska ungeduldig. Seit Jahren hatten sie getrennte Schlafzimmer. Wann und ob ihr Mann überhaupt zu Hause war, interessierte sie seitdem äußerst peripher. Und dass er auch einmal zwei Tage nicht auftauchte, war nichts Außergewöhnliches.

„Ich meine ja nur“, insistierte der Koch. „Ich mach mir halt Sorgen um den Chef.“

„Du sollst dir keine Sorgen machen, sondern schauen, dass du in die Küche kommst. Wenn ich gnä Herrn daran erinnern darf, dass in ein paar Stunden hier die weiße Hochzeitshölle losbricht. Und die Braut ist definitiv nicht von der geduldigen Sorte. Die hat schon einen Aufstand gemacht, weil ihrer Meinung nach die Tischtücher nicht das Weiß der Tischkarten treffen. Und jetzt Abmarsch!“ Sie verlieh der Aufforderung mit dem Poliertuch wachelnd Nachruck. Da der Koch wusste, dass eine grantige Chefin äußerst unerträglich war und Franziska Aufforderungen nie wiederholte – entweder man folgte oder ein Donnerwetter brach los, dass einem der Hut nicht mehr passte – watschelte er in die Küche und überließ die Chefin ihren Gläsern.

Franziska grübelte. Zwar war es durchaus üblich, dass ihr Mann längere Zeit nicht auftauchte. Allerdings nicht, wenn eine große Veranstaltung ins Haus stand. Dafür war dann doch zu sehr geschäftiger Wirt. Und definitiv zu profilierungssüchtig.

Franziska tastete in ihrer Dirndlschürze nach dem Handy. Anrufen schadet nicht, dachte sie. Und sei’s nur, um dem Alten ordentlich Feuer unterm Hintern zu machen. „Was glaubt der überhaupt!“ murmelte sie.

In dem Moment, als ihre Finger das Telefon umschlossen, begann es zu vibrieren. Franziska blickte auf das Display. Die Nummer kannte sie nicht. Was für ein eigenartiger Morgen, dachte sie und strich über das Smartphonedisplay, um den Anruf entgegenzunehmen. Während sie im freundlichsten Wirtinnen-Ton „Gasthof zum Roten Stier, Franziska am Apparat“ ins Telefon säuselte, trat sie in den Flur und durch die Tür, die mit „Privat“ beschildert war und die in den Vorraum des Wohntraktes führte. Fein säuberlich standen ihre eigenen Schuhe und mehrere Paare, die ihrem Mann gehörten, auf dem Fleckerlteppich neben der alten Kommode, die Franziska von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte und die zusätzlich zum Schuhputzzeug auch diverse Schals, Hauben und Halstücher enthielt.

„Hallo Franziska. Richie hier.“

Franziska schloss die Augen, schluckte und sagte nichts. Wie oft hatte Richie in der Vergangenheit angerufen und ihr mitgeteilt, sie könne ihren Mann in der Ausnüchterungszelle am Posten abholen, weil er bei der Alkokontrolle schon wieder randaliert hatte. Bestimmt war es auch dieses Mal so. Bestimmt. Sie starrte weiter auf die Schuhe.
„Wo soll ich ihn denn dieses Mal abholen?“ seufzte Franziska.
„Ja, ähm. Also.“ Richie stammelte.
Ein Paar fehlte. Die Schwarzen. Die Glänzenden. Die Maßangefertigten, die mehr gekostet hatten, als der Koch im „Roten Stier“ in einem Monat verdiente.
Richie holte tief Luft. „Wann hast du deinen Mann das letzte Mal gesehen oder mit ihm gesprochen, Franziska?“

Der Koch des „Gasthofs zum Roten Stier“ schmeckte gerade genüsslich die Soße ab, als er zuerst lautes Scheppern und dann einen dumpfen Schlag hörte. Neugierig, jedoch ohne große Hektik ging er in Richtung Flur, aus dem das Geräusch gekommen war. Franziska lag im Türdurchgang zum Wohntrakt. Im Fall hatte sie den gusseisernen Schirmständer umgeworfen, der mehr als Dekoration denn zur Schirmaufbewahrung neben der Tür gestanden hatte. Ihr Mobiltelefon, aus dem der Koch den panischen Richie „Franziska! Franziska! Ist alles in Ordnung? Herrschaftszeiten, sag’ halt was!“ plärren hörte, hielt sie immer noch in der rechten Hand.

Fast im gleichen Augenblick, als Franziska in sich zusammensackte und dabei den Schirmständer umstieß, sprang der Biersieder wie von der wilden Tarantel gestochen aus dem Bett und taumelte zu seinem Schreibtisch, auf dem sich Unmengen an Büchern, Zeitungen und Zeitschriften türmten. Unter einem Stapel alter „profil“-Ausgaben lugte eine Ecke der Gemeindezeitung hervor. Ein Mitteilungsblatt, das an jeden Haushalt ausgeliefert wurde. Üblicherweise interessierte sich der Sieder nicht dafür. Doch die letzte Ausgabe hatte den Bericht über eine Geschäftseröffnung enthalten. Erna hatte ihrem Sohn den Artikel unter die Nase gehalten und gemeint: „Da schau! Ein neuer Schuster. Ist das nicht fein? Dann kannst dir endlich einmal ordentliche Schuhe machen lassen. Diese ausgelatschten Treter, in denen du immer herumrennst, sind ja eine Schande.“

Auf dem Foto, das neben dem halbseitigen Artikel mit dem Titel „Frischer Unternehmergeist belebt unsere Gemeinde“ abgedruckt war, sah man nebst Bürgermeisterin und lokalem Bauunternehmer – einem ausgefressenen Kerl mit blaugeäderter Nase und Donald-Trump-Frisur – den Wirt des „Gasthofs zum Roten Stier“. Alle drei hielten ihre frisch maßschnittbeschuhten Hufe in die Kamera und grinsten, die Daumen zur „Gefällt mir“-Geste hochgereckt. Obwohl die Druckqualität nicht allzu gut war, erkannte der Sieder den Schuh, den er vergangene Nacht mitsamt Bein ausgegraben hatte, sofort wieder. Er schnappte sich sein Handy vom Nachttisch und wählte.

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9 Kommentare zu „Der Biersieder | Ein Ebenseekrimi

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